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Madagaskar: Auf Reisen in der Arche Noah des indischen Ozeans

Eine Reise nach Madagaskar ist kein gewöhnlicher Urlaub. Das Land im indischen Ozean gilt schon lange als Eldorado für Forscher und Naturliebhaber aus aller Welt. Die Vielfalt an Flora und Fauna ist einmalig und kann auch nicht von den Regenwäldern in Südamerika überboten werden. Nicht zu unrecht wird Madagaskar wegen seiner Größe als sechster Kontinent genannt. Aufgrund seiner immensen Artenvielfalt und unvergleichbarer Biodiversität könnte der zweitgrößte Inselstatt der Erde genauso Labor der Evolution bezeichnet werden.

Im Land der Halbaffen

Sifakas sind die Sprungmeister Madagaskars

Sifakas sind die Sprungmeister Madagaskars

Die ersten Seefahrer erreichten die große Insel im indischen Ozean vor ca. 2.000 Jahren. Aus Indonesien mit ihren seetüchtigen Barkasen kommend wurden sie an den weißen Stränden Madagaskars angespült und betraten eine Trauminsel paradiesischen Zugs. Noch war damals fast die gesamte Inselfläche mit dichten Regen- und Trockenwäldern bedeckt. Seitdem hat sich auf Madagaskar viel geändert. Brandrodung und Buschfeuer veränderten allmählich das einstige grüne Gesicht des Landes und deckten seinen rotfarbigen Boden auf, woher auch die Bezeichnung „rote Insel“ stammt. Heute sind ca. 90 % aller Wälder Madagaskars verschwunden. Zwei Autofahrtstunden östlich von der Hauptstadt, Antananarivo, finden wir noch Überreste eines intakten Urwalds hohen ökologischen Wertes. Wir sind im Mantadia-Nationalpark, welcher 1989 zum Naturschutzgebiet erklärt wurde, um einen lauten Waldbewohner zu schützen: den Indri Indri. Mit einem Gewicht von sieben Kilo sind Indris die größten Lemuren Madagaskars und auch laute Kerle. Ihre Rufe sind im 154 km² großen Nationalpark überall zu hören. Mit ihren lauten Rufen können sich Indris mit anderen Sippen  untereinander verständigen und ihre Reviere abgrenzen.

Eine Fossa, das einzig große Raubtier Madagaskars © A. Gutierrez

Eine Fossa, das einzig große Raubtier Madagaskars © A. Gutierrez

Lemuren sind ohne Zweifel die bekanntesten Bewohner Madagaskars. Hier leben etwa 30 verschiedene Arten dieser Halbaffen, die nur auf Madagaskar vorkommen. Der Grund für diese Rarität: Durch die Abgeschiedenheit der Insel, die sich vom afrikanischen Festland vor ca. 160 Millionen Jahren trennte, ging eine entscheidende Etappe der Evolution an Madagaskar vorbei. Die Artenentwicklung der Halbaffen, Verwandte der Lemuren, zu den Affen. Als sich die ersten Affen entwickelten starben die Halbaffen fast überall aus, nur auf Madagaskar konnten sie überleben, auch weil es hier kaum Raubtiere gab. Nur die Fossa, ein katzenähnlicher Räuber, stellt für die liebenswerten Lemuren eine ernste Gefahr dar. Bei seinem Anblick herrscht bei einer Gruppe von Sifakas im Privatreservat von Kirindy größte Alarmbereitschaft. Im unwirtlichen Westen des Landes ist der Wald von Kirindy einer der letzten erhaltenen Laubwälder Madagaskars, die einst einen großen Teil der Inselfläche bedeckten. Daher ist seine Bedeutung für Naturforscher so groß. Auch das deutsche Primatenzentrum scheint von der Einzigartigkeit dieses Trockenwaldes angezogen zu sein und erforscht seit Kurzem die dort lebenden Lemuren. Verreaux Sifakas sind die absoluten Stars des Waldes und gelten auch als Lieblingstiere vieler Besucher. Kein Wunder, denn ihr helles Fell verleiht ihnen ein wahres Plüschtieraussehen. Mit grazilen Sprüngen, die eine Distanz von bis zu 10 Metern überwinden können, bewegen sich diese ausgesprochenen Sprungkünstler vom Baum zum Baum ohne den Boden mit seinen lauernden Gefahren berühren zu müssen. Dabei wird der lange Schwanz zur Stabilisierung wie ein Ruder eingesetzt.

Von merkwürdigen Bäumen und gespenstigen Lemuren

Die merkwürdigsten aller Bäume © A. Gutierrez

Die merkwürdigsten aller Bäume © A. Gutierrez

Nur wenige Kilometer südlich von Kirindy finden wir eins der beliebtesten Fotomotive Madagaskars: Die berühmte Allee der Baobabs liefert bei der untergehenden Sonne eine Postkartenkulisse unter dem rot glühenden Himmel. Der Affenbrotbaum ist sicherlich einer der merkwürdigsten Bäume auf unserem Planeten und mit fünf endemischen Arten ist Madagaskar ganz offensichtlich sein Zuhause. Das Erstaunliche daran ist: Diese Wasser speichernden Bäume können sogar bis zu drei Jahre ohne Regen überstehen.

Jetzt, wo wir über Besondertheiten sprechen: Nicht nur in Sachen Flora bietet Madagaskar Überraschungen parat.  Die kapriziöse Natur scheint hier merkwürdige, nahezu gespenstige Formen eingenommen zu haben. Zu den seltsamsten Geschöpfen Madagaskars zählt der Aye Aye. Auf der Hauptinsel ist das halb Affe, halb Fledermaus, ein Überbleibsel der prähistorischen Vorzeit,  so gut wie ausgestorben. Die Vernichtung seines Lebensraums ist die Hauptursache für den Untergang dieser extrem selten gewordenen Art, die für die Einheimischen lange Zeit als „Fady“, als Tabu und daher als unberührbar, galt. Sechs Exemplare wurden auf der Kleininsel Nosy Mangabe im Masoala Nationalpark an der Ostküste versetzt, wo sie einen neuen und sicheren Lebensraum gefunden haben.

Der Wild West ist in Madagaskar

Kattas sind die am häufigsten vertretenen Lemurenarten

Kattas sind die am häufigsten vertretenen Lemurenarten

Ringelschwanzmakis oder Kattas sind hingegen weit verbreitet. Ihren Namen erhielten sie wegen ihrer auffallenden schwarzweißen Schwänze. Bei dieser Lemurenart dominieren die Weibchen die Familienverbände, denen bis zu 40 Tiere angehören. Kattas sind ausgesprochene Sonnenanbeter. Morgens, wenn die ersten Sonnenstrahlen die Baumkronen berühren, kann man die niedlichen Tiere beobachten, wie sie der Sonne zugewandt alle Viere ausbreiten, um möglichst viele von den wärmenden Strahlen aufzunehmen. Im wild zerklüfteten, vom Wind und Wasser geformten Isalo Nationalpark im Zentrum des Landes fühlen sich Kattas zuhause. Mit einem Labyrinth aus tiefen Schluchten, bizarren Felsformationen und kargen Ebenen erinnert das Isalo Massiv an eine echte Westernlandschaft.

Ein noch stärkeres Gefühl der „Wild West“ bekommt man in Ilakaka, einer Ortschaft nur wenige Kilometer südlich von Isalo gelegen, wo Bergbau eifrig betrieben wird. Seit dem die ersten Saphire 1998 entdeckt wurden, hat sich das Gebiet um das einstige verschlafene Dorf in einem riesigen Schweizerkäse verwandelt. Tonnenweise wird rotfarbige Erde abgetragen, um die im ehemaligen Flussbett 30 Meter unter der Erdoberfläche gelegene Lagerstätte zu erreichen. In Ilakaka, die heute zu einer quirligen Großstadt mutiert ist, dreht sich alles um Saphire. Edelsteingeschäfte säumen die Straßen und in neu eröffneten Werkstätten werden Saphire geschliffen. 50 % aller Weltsaphire sollen aus hier kommen.

Künstler der Verwandlung

Ein Parsons-Chamäleon im Ranomafana-Nationalpark © A. Gutierrez

Ein Parsons-Chamäleon im Ranomafana-Nationalpark © A. Gutierrez

Im Südosten des Landes, in den Regenwäldern von Ranomafana, leben manche Überlebende aus der Zeit der Dinosaurier. Während einer naturkundlichen Wanderung lassen sich einige Exemplare gut beobachten. Die einheimischen Führer lesen im Wald wie aus einem offenen Buch. Für sie beherbergt der Wald keine Geheimnisse. Mit geschultem Blick entdecken die Guides die Tarnkünstler in der dichten Vegetation. Ein Chamäleonweibchen ist dabei ihre Eier vor unseren Augen abzulegen. Mit sehr langsamen Bewegungen, die ebenfalls ein Merkmal dieser Reptilien sind, bereitet sie zunächst das Loch vor, in dem sie die Eier vergraben wird. Diese Meister der Verwandlung sind mit 60 Arten auf Madagaskar vertreten, mehr als sonst wo auf der Welt. Vielleicht deswegen, weil die Madagassen jede Begegnung mit diesen Tieren scheuen, denn sie sollen Unglück bringen.

Paradiese der Ostküste

Trauminsel Sainte Marie © A. Gutierrez

Trauminsel Sainte Marie © A. Gutierrez

Im Osten wird Madagaskar vom indischen Ozean gespult. Hier, entlang der Ostküste, erstreckt sich der Pangalanes-Kanal, eine 600 km lange künstlich geschaffene Wasserstraße, die von der französischen Kolonialmacht angelegt wurde, um den wichtigsten Hafen des Landes bei Tamatave mit dem schwer zu erreichenden Süden zu verbinden. Der Grund: Der Schiffsverkehr aufs offene Meer war aufgrund der starken Strömung kaum möglich. Für den Handel hat der Kanal heute keine Bedeutung mehr, die Reihe von mit einander verketteten Lagunen, die teilweise natürlich entstanden sind, teilweise künstlich erschaffen wurden, gibt es aber noch. Als der Schiffsverkehr eingestellt wurde, konnte die Natur ihr Reich zurück erobern. Heute ist der Kanal an manchen Stellen stark versandet und auch sehr dicht bewachsen. Trotzdem gilt er als Lebensader für die an seinen Ufern verstreuten Dörfer, die man mit einer traditionellen Piroge erreicht. Die spiegelglatte Wasseroberfläche wird vom Kiel kaum getrübt. Es ist die ruhige Schönheit dieses Gebiets mit seiner dichten Vegetation, was Naturliebhaber aus aller Welt angezogen hat. An der traumhaften Lagune von Akanin’Ny Nofy, was Traumnest bedeutet, wurde das Palmarium-Reservat errichtet, eine 50 ha große Oase für ein Dutzend frei lebende Lemurenarten, die der Besucher aus allernächster Nähe bestaunen kann.

Hunderte Kilometer weiter nördlich, vor der Nordostküste Madagaskars, im offenen Meer, ragt die Insel Sainte Marie wie eine weiße Perle aus dem türkisblauen Ozean. Sainte Marie, auf madagassisch „Nosy Boraha“ genannt, ist mit 50 km Länge die größte der Madagaskars Küste vorgelagerten Inseln. Die Insel besticht durch ihre von Kokospalmen umrahmten Bilderbuchstrände, die zum Verweilen einladen.
Aber Ste. Marie bietet auch Naturbegeisterten ein großartiges Schauspiel: Alljährlich von Juli bis September versammelt sich eine große Anzahl von Buckelwalen um die Insel und die Antongil-Bucht herum. Dort werben sie umeinander, paaren sich, bringen ihre Jungen zur Welt und erziehen sie. Die Akrobatik und die melodiösen Gesänge der Buckelwale-Bullen während ihrer Liebesspiele sind ein Spektakel. Früher war Sainte Marie ein Schlupfwinkel der Piraten, später eine Insel der Verbannten. Erst in den letzten Jahren wurde sie von den Touristen wiederentdeckt und gilt seit dem unter Madagaskarkennern als die Trauminsel.

Mora Mora oder „wir kommen wieder“

Vezo-Boote am Strand von Salary © A. Gutierrez

Vezo-Boote am Strand von Salary © A. Gutierrez

Madagaskar hat viele solche unentdeckte Paradiese. Entlang der Straße von Mosambik, an der westlichen Seite der Hauptinsel, säumt ein perleweißer Sandstreifen über Hunderte von Kilometern hinweg eine fabelhafte smaragdfarbige Lagune. Wir sind im Land des Vezo-Stammes, ein afrikanisch stämmiges Volk, dessen Name, der der das Paddel führt, genau das beschreibt, was die Vezo-Männer zum Überleben tun: Fischen. Mit ihren selbst gebauten Pirogen folgen den Fischschwärmen auf hohe See. Oft gehen sie auf  Unterwasserjagd und harponieren die Fische der Lagune mit Spießen. Das Meer in der vom längsten Korallenriff auf Madagaskar geschützten Lagune ist unglaublich reich, eine Tatsache, die vielen Tauchern nicht entgangen ist. Das Wasser hier ist kristallklar, weil es keinerlei Verschmutzung gibt. Die Unterwasserwelt zeigt sich daher aus ihrer beeindruckendsten Seite. Im kleinen abgeschiedenen Dorf Salary, Meilen von der nächsten großen Stadt entfernt, führen die Vezo noch ein sehr traditionelles Leben. Am frühen morgen besteigen die Männer ihre fragilen Segelboote, um bis ans Ende der Lagune hinausfahren, während die mit Avocado-Creme eingeschmierten Gesichter der Vezo-Frauen sich auf den weißen Sand zuwenden, um Seeigel zu sammeln. Hier erlebt man noch die wahre madagassische Lebensart, die von einer gesunden Lässigkeit geprägt ist. Bei dem Abflug ab Tana, über das mit leuchtenden Reisefeldern bedeckten Hochland, lässt der Reisende seine Erlebnisse Revue passieren und stößt dabei immer wieder auf dasselbe Wort: Mora Mora, „immer mit der Ruhe“, der Inbegriff der madagassischen Sanftmut, Gastfreundlichkeit und Lebensphilosophie. Ob wir auch um eine Portion Gelassenheit reicher geworden sind?

Dieses Land fasziniert mit seiner Vielfalt. Vielfältige Landschaften, vielfältige Tier- und Pflanzenarten, vielfältige Menschen, vielfältige Traditionen. Wie ein Chamäleon ist die rote Insel immer wieder von einem anderen Gesicht verziert. Eine einzige Reise nach Madagaskar gleicht einer kleinen Weltreise, ist aber bei weitem nicht genug, um alle Facetten dieses vielfältigen Landes zu kennen. Leider haben wir uns das madagassische Wort für „Auf Wiedersehen“ nicht gemerkt. Das wir wieder kommen ist aber nur eine Frage der Zeit. Bis dahin „mora mora“!

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