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Indien Erfahrungsbericht – Jodhpur, die blaue Stadt und ihre Festung Mehrangarh

Jodhpur

Wir sind heute noch früher als gestern und da die Sonne noch hinter der Zitadelle versteckt ist suchen wir uns einen Frühstücksplatz im Inneren,  kälte geschützt durch die Decken und Tücher.  Heute geht es schon wieder weiter auf unserer Rundreise und wir müssen uns von Jaisalmer verabschieden. Das nächste Ziel ist Jodhpur und da wir dort nur eine Nacht verbringen, möchten wir so früh wie möglich ankommen, um Zeit für die dortigen Sehenswürdigkeiten zu haben.
Wie jeden Tag ist Prakash pünktlich und hilft das Gepäck im Auto zu verstauen. Die erste Teilstrecke führt uns den gleichen Weg zurück, den wir vor zwei Tagen gekommen sind. Heute ist das Militäraufgebot noch grösser, ein kilometerlanger Konvoi ist vor uns. Doch endlich verlassen wir diese Strasse und biegen ab in Richtung Jodhpur.

Sudhu mit Elefant

Sadhu mit Elefant

Nachdem wir nun schon etliche Kilometer auf Indiens Strasse gefahren sind haben wir uns an die Kühe, Ziegen und Hunde gewöhnt und auch Edith´s Kommentare „Dumme Ziege“ und „Dummer Hund“ werden leiser. Doch nun gibt es doch wieder etwas Neues.  Als Gegenverkehr begegnet uns ein Elefant mit einem Reiter. Prakash ist begeistert „Ein Elefant! Das ist ein Zeichen von Glück! Sehr  wichtig wenn man viele Kilometer zu fahren hat.“  Um sein Glück zu festigen steigt Prakash aus und gibt dem Reiter eine Spende von 10 Rupees.

Während der Autofahrt habe ich Zeit mich mit Prakash zu unterhalten. Er war noch nie in Europa, doch die  Urlauber haben ihm schon sehr viel erzählt. Er hofft dieses Jahr nach Spanien reisen zu können, denn einige seiner Fahrgäste waren schon öfter mit ihm unterwegs und haben ihn eingeladen.  Während des Monsuns gibt es keine Arbeit im Tourismus, das wäre für ihn die beste Zeit für eine Reise nach Europa.  „Mein Hauptgrund ist es die Sprache zu lernen“ erklärt er.  „Doch ich möchte auch gerne das Land sehen. Nicht immer nur Indien! Sondern ein Land, an dem sich alle beim Autofahren an die Verkehrsregeln halten.“   Wer hat ihm sowas bloß erzählt?!?!

Wir kommen nach Jodhpur, die sogenannte „blaue Stadt“. Diesen Namen verdankt Jodhpur den blaugestrichenen Häusern in seiner Altstadt. Doch bei unserer Einfahrt in die Stadt kann man davon nichts erkennen. Es ist eine betriebsame Großstadt mit entsprechend viel Verkehr, breiten Strassen und Geschäften.

Hotelgarten

Hotelgarten

Jodhpur hatte ich mir entschieden kleiner vorgestellt! Wie viel Einwohner hat Jodhpur denn?  „Bei der letzten Zählung  waren es knapp eine Millionen“  informiert mich Prakash.  Edith schaut sich interessiert um. „Wie lange bleiben wir hier?“ möchte sie wissen.  „Das ist hier ja eine richtige und schöne Stadt!“   Das ist der Vorteil, dass wir unsere Reise in Delhi begonnen haben. Die anderen Städte erscheinen uns nun alle schön.

Prakash schlägt vor zuerst ins Hotel zu fahren und dort nur eine kurze Pause zu machen.  So haben wir mehr Zeit für die Besichtigung von Jodhpur. Das Hotel ist ein kleines Paradies mitten in einer Millionenstadt. Ein tropischer Garten mit kleinen Teichen und Sitzgelegenheiten. Auch unser Zimmer ist groß, geräumig und zusätzlich haben wir noch eine private Terrasse mit Liegestuhl und Sofa.
Doch interessanter als das Hotel ist natürlich die Stadt Jodhpur und daher sind wir zwanzig Minuten später am vereinten Treffpunkt.

Jaswant Thanda

Jaswant Thanda

Jaswant Thanda

Auf dem Weg  zum Merangarh Fort machen wir einen kurzen  Halt am Jaswant Thanda, ein Marmormonument zum Gedenken an den Raja Jaswant Singh II. Edith und ich besichtigen  dieses wunderschönen Grabmal  inmitten eines großzügig angelegten Gartens, bevor wir weiter den Berg zur Festung hinauffahren . Diese Festung wurde im Jahre 1459 erbaut, zwei Jahre nach der Stadtgründung Jodhpurs. Majestätisch thront Mehrangarh 130 Meter über der geschäftigen Stadt. Über einen Serpentinenweg fahren wir bis kurz vor den Eingang und Prakash erklärt uns wie wir  den Parkplatz finden, wo er auf uns wartet. Auch in der Burg geht es weiterhin steil bergauf bis  hin zum eisernen Tor, das Loha Pol.

Palastwärter

Palastwache

Fort Merangarh

Hier sind im roten Lehm die Handabdrücke von Frauen zu sehen, die sich nach dem Tod ihrer Ehemänner auf deren Scheiterhaufen mit verbrennen ließen. 1953 ließ sich die letzte Angehörige aus der königlichen Familie Jodhpurs lebend verbrennen,  heute ist dies in Indien per Gesetz verboten.
Weiter geht es bergauf und in unserem Audioguide erklärt eine freundliche Stimme warum der Weg so steil ist: „Aus Verteidigungsgründen hat man einen steilen Zugang  gebaut.“  Ja, da ist bestimmt  kein noch so eifriger Eroberer hinaufgestürmt! Ganz abgesehen vom Transport der Waffen. Der Zugang ist nicht nur steil sondern auch schmal, so mussten die Angreifer  auf ihren Elefanten im Gänsemarsch hinauf. Nur nicht drängeln!

Die blaue Stadt Jodhpur

Die blaue Stadt Jodhpur

Endlich sind wir oben an den Festungsmauern und von hier haben wir laut Reiseführer einen spektakulären Blick auf die Altstadt und die blauen Häuser. Stimmt, das ist genau das Bild welches  in jedem Indien-Reiseführer Jodhpur zeigt. Doch leider ist es so diesig und trübe, dass die Blaufärbung der Häuser kaum zu erkennen ist. Schade, aber ich mache trotzdem ein Foto. Vielleicht wird´s ja doch was!
Von hier aus gehen wir nun durch die Paläste in denen sich ein Museum befindet. Goldene Sänften und alte Kinderwiegen, gold verzierte Torbögen und kunstvoll bemalte Wände werden von uns bewundert.  Im letzten Teil der Festung ist ein kleiner Raum in dem die Besucher einen Astrologen konsultieren können . In Indien spielt die Astrologie eine wichtige Rolle und vor Hochzeiten ist es üblich  ein Horoskop der Braut und des Bräutigams zu erstellen. Doch auch im Alltagsleben werden immer wieder die Sterne befragt.

opium aus der Wasserpfeife

Opium aus der Wasserpfeife ?

Astrologie in Indien

Der hiesige Astrologe sitzt ganz wissenschaftlich mit Zirkel, Lineal und Bleistift an seinem Schreibtisch. Neugierig gehe ich näher. Ob ich mir ein Horoskop erstellen lassen soll? Ich bin noch am überlegen, als er mich willkommen heißt. „Come in! Kann ich ein Foto von Ihnen machen?“  Wozu möchte er ein Foto? Ob das zum Horoskop dazugehört? „One more! Ein wenig mehr von der Seite, bitte!“  Er deutet einladend auf den ihm gegenüberliegenden Stuhl, zeigt uns meine Fotos auf seinem Handy und meint  „Very nice! Möchten sie denn ein Horoskop?“  Ach, da haben die Fotos gar nichts mit dem Horoskop zu tun? Nun beginnt er jedoch ernsthaft mit seiner Arbeit.  Mein Geburtsdatum,- Uhrzeit und –Ort wird erfragt und notiert, ebenso meine Email Adresse.  „To send you your photo“ ist die Erklärung für letzteres.
Als nächstes ist meine Hand an der Reihe, sie wird mit dem Zirkel vermessen und die Linien genau betrachtet. Er dreht sie nach oben und unten, doch ist es wirklich notwendig sie bei der Auswertung meiner Lebenserwartung weiter festzuhalten? Meine Perspektiven sind gut, nach meiner Lebenslinie werde ich mindestens achtzig. Nachdem er nun seine Notizen zu Rate zieht erzählt er mir die wichtigsten Stationen in meinem Leben und liegt dabei oft erstaunlich richtig. Nur mit den  zwei Kindern, da hat er sich zu seiner Verwunderung  geirrt. Als wir gehen begleitet er uns noch bis zur Tür und verabschiedet mich mit den Worten „very nice blue eyes!“

Festung Mehrangarh

Festung Mehrangarh

Mit dem Besuch beim Astrologen ist unsere Besichtigungstour abgeschlossen und wir machen uns auf den Weg zum Auto. Lachend und plaudernd gehen wir berab, immer geradeaus weiter. Komisch, sind wir so weit bergauf gegangen? Eigentlich müssten wir doch schon längst am Parkplatz sein.  Und der Botanische Garten, den habe ich auf dem Hinweg nicht gesehen. Erschrocken schaue ich nach oben, wo die Festung weit über uns in den Himmel ragt. O weh, wir sind viel zu weit gegangen.  „Das muss ich alles wieder bergauf gehen?“ fragt Edith voller Entsetzen. Ja, leider! Ich habe im Botanischen Garten nachgefragt, der Parkplatz ist weit weg  auf der anderen Seite der Burg.
Ein wenig außer Atem kommen wir endlich am Auto an wo Prakash verwundert nach uns Ausschau hält. „Es muss euch gefallen habe, ihr habt die Festung lange besichtigt“ stellt er froh fest. Ob ich verraten soll, dass wir zu Fuß schon fast wieder unten in der Stadt waren?

Die blaue Stadt

Während wir zurück ins Zentrum  fahren, erklärt uns Prakash die Bedeutung der blauen Farbe.
Traditionell kennzeichnete die Farbe Blau die Zugehörigkeit der Bewohner zur Kaste der Brahmanen, allerdings haben heute auch Nicht-Brahmanen diesen Brauch übernommen. Die Farbe hat den positiven Nebeneffekt, dass sie ein effektives Mittel zur Abwehr von Moskitos ist.
Als wir in der Stadt ankommen beginnt für Prakash die Parkplatz suche, während wir schon aussteigen und langsam in Richtung Sadar Markt vorangehen. Sofort sind wir umringt von Bettlerinnen mit Kindern auf dem Arm. Ein Mann mit deformierten Beinen rollt auf einem Brett an uns vorbei und streckt die Hand aus. Wir würden ihm gerne etwas geben, doch die Menge an Bedürftigen ist einfach zu groß.  Es ist sicher besser, nicht unsere mitleidigen Seelen zu zeigen. Ein Lauffeuer würde vermutlich  durch die Reihen der Bettler gehen: „Da sind weichherzige Ausländer. Lasst sie uns stürmen!“   „Wenn wir zurück kommen, kurz ehe wir ins Auto steigen und flüchten können, dann geben wir ihm etwas“  verspreche ich Edith leise.

Markttor

Markttor

Das Sojati Gate

Inzwischen hat Prakash uns eingeholt und zu dritt gehen wir durch das Sojati Gate in die Altstadt. Die Altstadt ist umringt von einer 10 km langen Stadtmauer mit insgesamt acht Toren, wovon das Sojati Gate das grösste ist und direkt auf den Platz mit dem Uhrturm führt.  Hier ist ein Lokal das bekannt ist für besonders guten Lassi, ein Joghurt-Getränk welches meist mit Fruchtgeschmack und süß serviert wird. „Wollt ihr mal probieren?“ bietet Prakash an.  Aber natürlich  wollen wir! Wir setzen uns in das Lokal an einen der langen Tische und nach kurzer Zeit bringt der Wirt drei Getränke. Ich versuche zuerst mein Lassi – na ja, wenn man süß gerne mag. Es hat ein wenig Vanille Geschmack und eignet sich besser zum Löffeln als zum Trinken. Edith hat das gleiche Getränk  und ein Blick in ihr Gesicht reicht: sehr süß steht auf ihrer Nasenspitze geschrieben.  Und Prakash?  „Ich habe was anderes, Lassi ist mir zu süß. Möchtet ihr mal probieren?“ bietet er uns an.  Sein Getränk ist weiß, die Substanz wirkt ein wenig krümelig. Ist das auch Joghurt?  „Nein, das ist gekochte Milch und von oben wird dann die Haut abgeschöpft. Sehr gut!“  Die Haut von gekochter Milch? Ach, nein danke! Lieber nicht! So sehr ich die indische Küche mag, es kann mir ja nicht alles schmecken.

Der Markt am ClockTower

Markt in Jodhpur

Markt in Jodhpur

Nach diesem Versuch machen wir einen Rundgang über den Markt. Hier duftet es nach Gewürzen und Kräutern aller Art. „Schau mal, Ingwer!“ meint Edith und da kommt in perfektem Deutsch die Antwort vom Verkäufer „Nein, das ist Kurkuma!“
Langsam gehen wir weiter durch die Menge der Menschen. Zwischen all diesen Marktständen, Menschen und heiligen Kühen drängeln hupende Tuktuks an uns vorbei.  „Ihr seid hier in Indien. Schaut immer nach vorne, beachtet einfach nicht was hinter euch ist“ lautet Prakashs Ratschlag. Ich soll mich darauf verlassen, das die Tuktuk´s und Mopeds um mich herum fahren? Doch es klappt tatsächlich besser seit  ich nicht ständig versuche auszuweichen um  Platz zu machen.
An einem kleinen Verkaufswagen werden aus einem Linsenteig kleine Küchlein in Öl ausgebacken. Das sieht schon eher nach unserem Geschmack aus! Und tatsächlich, das von uns zum versuchen gekauften Gebäck schmeckt absolut lecker. Es wird hier nicht auf Zeitungspapier serviert, sondern in kleinen aus Pflanzenblättern hergestellten Schalen.
Inzwischen fängt es an dunkel zu werden und wir machen uns auf den Heimweg.  Eine der Bettlerinnen mit Kind scheint auf uns gewartet zu haben und versucht ihr Glück aufs neue. Doch der Mann mit den deformierten Beinen ist nirgendwo zu sehen. Die Bettlerin geht auf Tuchfühlung und zupft Edith und mich energisch am Arm. „NO!!!“ gebe ich ihr zu verstehen. „NO!!!“  tönt es auch von Edith´s Seite und wir gehen weiter. Doch was ist das? Sie läuft tatsächlich dicht  hinter mir her und tritt in meine Schuhe. Bei jedem Schritt den ich mache steht sie in meinen offenen Sandalen.  Glaubt sie wirklich jetzt bekommt sie Geld? Für eine Zirkusnummer die mich echt sauer macht? Doch das jetzige NO!!! hat sie verstanden. Oder war es mein wütendes Gesicht?
Unterwegs zum Hotel zeigt Prakash uns noch ein Restaurant. „Es ist ein sehr gutes Restaurant, falls ihr heute Abend essen gehen möchtet“ erklärt er uns. „Und nicht weit vom Hotel, mit einem Tuktuk seid ihr in fünf Minuten dort.“  Er selbst muss  noch in eine Autowerkstatt, er hat heute unterwegs ein klapperndes Geräusch gehört und möchte nachsehen lassen wo es herkommt.  „In Jodhpur kenne ich eine gute Werkstatt. Doch bei einer Panne unterwegs kann es manchmal sehr lange dauern, vor allem falls ich ein Ersatzteil brauche.“

Abendessen im Hotel

Abendessen im Hotel

Im Hotel halten Edith und ich eine Lagebesprechung ab. „Essen? Irgendwie habe ich das Gefühl mir liegt noch diese Lassi im Magen“ ist Ediths Kommentar. Da hat sie allerdings recht! Ich glaube das süsse Getränk hat mir den Magen zugeklebt und Hunger ist überhaupt nicht da. Warum bleiben wir nicht einfach im Hotel?  „Wir können ja hier in das Restaurant gehen, vielleicht haben die ja einfach nur eine Suppe“ schlägt Edith vor.
Suppe gibt es zwar keine, doch wir können uns ein Tablett mit verschiedenen Kleinigkeiten teilen und sitzen dabei auf der Terrasse. So kommen wir doch heute dazu den schönen Garten zu nutzen. Als wir in unser Zimmer gehen sind wir uns beide einig, hier zu bleiben war genau die Richtige Entscheidung.

Meinen vorherigen Indien Erfahrungsbericht finden Sie unter:

http://www.reiseberichte-blog.com/indien-rundreise-vom-tempel-ramedora-nach-jaisalmer-der-goldenen-stadt-am-rande-der-thar-wueste/

Rundreise durch Indien- von Neu Delhi durch Rajasthan bis Varanasi

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Über den Autor

Elke Hoppe

Vor ca. 20 Jahren bin ich von Deutschland nach Spanien ausgewandert, um auf der Sonnenseite Europas leben zu können. Doch auch von hier aus habe ich das Bedürfnis mehr von der Welt kennen zu lernen.
Da es mir zeitlich und beruflich möglich ist, mache ich seit 2005 einmal im Jahr eine „große Reise“. Begleitet werde ich dabei von Edith, meiner Mutter, die vor 18 Jahre ebenfalls aus dem deutschen Regen in die spanische Sonne geflüchtet ist.
Bisher hat uns unsere Reiselust nach Asien, Kenia und Peru geführt. Für das Jahr 2009 hatten wir uns für Indien entschieden und dort neben Rajasthan inzwischen auch andere Regionen besucht. Auf den Rundreisen in Indien waren wir in Begleitung von unserem Fahrer Prakash Acharya. Er ist ein zuverlässiger und informativer Reisebegleiter, den ich sehr empfehlen kann. Prakash hat sich vor einigen Jahren selbständig gemacht und falls jemand mit ihm eine Rundreise machen möchte bin gerne bereit den Kontakt herzustellen.

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