Reiseberatung für individuelle Reisen

32Tage 18Knoten 5Minuten – Mit dem Containerschiff von Hamburg nach Malaysia

Eine langsame Reise im Mopedtempo über die Meere von Europa nach Asien, organisiert von Langsam Reisen (Berlin). Zu der Reise gibt es einen langsamen Film – und unten Auszüge aus dem Reisetagebuch.

Auszüge aus dem Reise-Tagebuch

3.11.2017

Warum hängt im Büro des Hafenmeisters ein Can­dyautomat? Beim genaueren Hin­schauen entpuppt er sich als Ohrstöpselspender. Wir sind im Herzen des Hambur­ger Containerha­fens angekommen, haben die wacklige Gangway gemeistert, nehmen unsere komfortable Kabine in Be­sitz und beobachten, wie die CMA CGM Jules Verne gleichzeitig be- und entladen wird. Kranballett, die Mu­sik dazu ist Heavy Metal. Container fliegen auf Armeslänge an unserer Kabine vorbei. ≈ Wir sind die einzigen Passagiere. Außer uns ist eine Crew von 29 Personen an Bord dieses 396m×53.6m großen Ungetüms. Bordsprache: Englisch.

4.11.

Mit Ohrstöpseln gut geschlafen. November-Nebel-Sonnenaufgang zwischen Schwermetall. Tag und Nacht wird geladen. Wir erkunden das Schiff. Über unse­ren priva­ten „Balkon“ können wir per Außentreppe drei Stockwerke höher auf die Brücke steigen. Haushoch ist das. Wenn wir hinunter in den offenen Bauch des Schif­fes sehen, sind das 60 oder 70 Me­ter. ≈ Die Ausfahrt be­ginnt so sanft, dass wir sie fast verpass­en. Die Schiffsbegrü­ßungsanlage mit guten Wün­schen und Marseillaise ist eine herrliche Hamburg­er Spezialität. Wir antworten mit dem Nebelhorn. ≈ Im Dun­keln an Brunsbüttel, Cuxhafen vorbei, vor dem Schlafenge­hen werden wir in der Nordsee sein. Vollmond, dick, oran­ge, eitel und fotogen zwischen bauschigen Wol­ken.

6.11.

Rotterdam. Voll automatisierter Hafen. In den Krä­nen und Zubringern sitzt niemand. Schon in Hamburg dach­te ich, dass so ein Hafen auch ein Or­ganismus ist, vieles erin­nert an tierische Bewegen. Die Kräne sehen wie gigan­tische Giraffen aus. Aber am besten gefallen mir die Greifer von den Krä­nen, mit de­nen Container an ihren Platz gestellt werden. Diese Dinger haben an den vier Ecken Füßchen, mit denen sie zupacken. Die Füßchen haben jeweils drei „Zehen“, und manchmal bewegen die sich nicht ganz syn­chron – wie le­bendig. Und nicht immer passt alles gleich auf den Zen­timeter; dann müssen die Container noch mal gehoben wer­den, vielleicht noch­mal, bis sie einrasten und es den finalen Rums gibt. Dieses Imperfekte macht das Me­tall lebendig. ≈ In Rot­terdamm ist der Grad der Präzision noch höher. Und in dem Augenblick, in dem wir darüber re­den, bekommt der Kran einen Container just NICHT raus­gehoben. Nach eini­gen Versu­chen wird an einer anderen Stelle weitergemacht. ≈

Die französischen Offiziere und die über­wiegend philip­pinische Besatzung sind – bei den Mahl­zeiten – getrennt. Auch die philippinischen Offizieren es­sen in der Mannschaftsmesse. Wir wurden in der Offiziersm­esse platziert, es geht höflich, freundlich, vor­nehm zu, während aus der Mannschaftsmess­e lautes Ge­lächter erschallt…

7.11.

Macht jeder Hafen andere Geräusche? Hier in Rot­terdam ist es das besonders laute Pfei­fen der Kräne

8.11.

Zeebrücke. Wir sind noch im Großstadt-Modus: Die Langsamkeit, mit der das Ablegen z.B. erfolgt, macht uns ungeduldig. Wann geht es denn nun los? Jetzt… Nein, doch nicht… Jetzt? … Was machen die bloß so lange?

10.11.

Gestern Landgang Le Havre. Das spannendste war das Hafengelände selbst und der Fahrer, der uns zurück brachte. Er erzählte Interessantes, z.B. über die stin­kenden Sünden Exxons mitten im Hafen ≈ Auf dem Hafengelände darf man keinen Schritt zu Fuß gehen, strenge Kontrollen, Hochsicherheitsbereich. Ein Überseeha­fen ist unvorstellbar groß. Wir fuhren mit dem Auto viele Kilometer drumherum und zu unse­rem Liegeplatz. Wenn man dann unter der Jules Verne steht und hochschaut, ist man komplett eingeschüch­tert. Wir sehen das Schiff nie im Ganzen, nur ein Stück der Seiten­wand oder bei der Anfahrt den breiten Hintern, der schon erschreckend ge­nug ist. Der Fahrer machte gleich ein Foto. ≈ In der Nacht muss Exxon gelüftet haben, morgens war ein böse giftiger Gestank in der Kabine

11.11.

Heute haben wir das, was wir wollten: hohe See samt eindrücklichen Schiffsbewegungen. In der Nacht war es so, als wenn an unserem Bett grob gerüttelt wurde. Vormit­tags musste ich Reisekaugummis kauen. ≈ Der Ärmelkanal hat uns entlassen, wir schippern raus in die Bis­kaya. Mal sehen, was die nächste Nacht bringt. ≈ Es ist schwer, die Höhe der Wellen zu schätzen, wir müssen uns immer wie­der erinnern, wie hoch wir hocken – nur wenn gelegentlich ein klei­neres Schiff auftaucht und wir sehen, wie es mit seinem Bug fast ein­taucht, ahnen wir, was sich da draußen ab­spielt. ≈ Eben hat der Wind unseren schweren Massivholz­tisch auf dem Balkon umgepustet, der Regen peitscht, die Wellen ge­hen hoch. Mein Vertrauen in dieses Schiff ist grenzenlos, fühle mich trotz Sturm gebor­gen. Schon in Hamburg muss­ten wir Notsignale lernen, ei­nen Neoprenanzug anprobie­ren, weite­re Übungen wurden ange­kündigt. Aber was soll diesem Riesen zustoßen?

12.11.

Wir er­wachen an einem frühlingshaften Tage auf Höhe Portu­gals. Die Wellen in der Nacht wiegten das Bett diesmal richtig, haben es aber zu gut gemeint. Das Rollen ging stets paar Zentimeter über den Kipp-Punkt hin­aus, so dass ich mich anklammerte, um nicht aus dem Bett zu fal­len. Die Amplitude war aber so groß, dass ich zwischen­durch oft einschlief – und erneut im Klammer­modus er­wachte ≈ Mor­gen werden wir durch die Meerenge von Gi­braltar fahren und in Al­geciras einen zusätzlichen Stopp einlegen. Ob aus diesem Grund oder we­gen Verzöge­rungen durch den Sturm – unser Schiff „rast“ mit 21,5 Knoten da­hin, sonst sind es ca. 18 Knoten. Allerdings können wir das oben auf der Brücke nur ablesen, schätzen können wir es nicht…

13.11.

Gleißend schönes Wetter, Frühstück in offener Tür. Mehr als 22 Knoten! ≈ Gibraltar ist wirk­lich ein markanter Felsen mit Kanonen und allem Drum-und-Dran. ≈ Der Ka­pitän hat Zeit für einen Schwatz zwischendurch: Er ist zwei Monate hintereinander auf See, die französischen Offiziere drei, die philippini­schen sechs und die Crew neun Monate. „Sklavenarbeit“ nannte er das. Die philippinische Mann­schaft scheint es mit Humor zu neh­men. Alle lachen gerne und wir la­chen bei fast jeder Be­gegnung mit ihnen.

14.11.

Bei der Ausfahrt aus der Bucht unseren ersten Del­phin dicht am Schiff gesehen ≈ In Algeci­ras hat es länger ge­dauert, aus dem geplanten halben Tag wurde fast ein gan­zer. Schiff ist rappelvoll, von oben sieht es zum Heck hin wie eine fussballfeldgroße, bun­te Ebene aus, auch nach vor­ne sind fast alle Lücken gefüllt.

15.11.

Morgens die algerische Küste zum Greifen nahe. Nach einigem Rechnen werden es aber doch mehr als 10 km sein. Wir sehen Ortschaften, bei entspre­chenden Licht­verhältnissen auch, wie hoch die Brandung ist, die an die Küste donnert. Sehr bergig, bezaubernd. Mit den Maßstä­ben ist es schwierig, wir müssen ständig rech­nen, erinnern, vergleichen. Gefühlt würde ich sagen: die Küste ist 3 km entfernt und wir sitzen 10 Meter hoch – da­bei sind es min­destens 50 Meter über dem Meeresspiegel.

16.11.

Vormittags angeseilte Männer, die an einem Kühl­container unter uns reparierten – alpi­ner Stil. ≈ Nachts erste Zeitumstellung. ≈ Kleine, schlaue Vögel reisen mit. Singvö­gel, Rotschwänzchen? Sehr quirlig, Künstler im Insekten­fangen, ja auch die gibt esVon Sizil­ien waren nachts nur einige Lichter zu se­hen. Der Ätna spuckte ausgerechnet heu­te leider nicht. Um 22 Uhr sahen wir auf der Brücke das Schau­spiel eines geteilten Himmels. Auf der italienischen Seite Sternenpracht, auf der afrikanischen dunkle Wolken aus de­nen es blitzte.

17.11.

Gleich eine Führung durch den Maschinenr­aum. ≈ Danach: eindrucksvoll riesig, grandios laut (Ohrstöpsel in Sonderedition!), geheimnisvoll. Lothar fo­tografiert, erst hinterher können wir mit dem Kadett an­hand der Fotos sprechen: Turbinen, Dampf, Zylinder, Frisch­wasser, Meer­wasser, wiedergewinnen, reinigen, verdichten, erwärmen, kühlen, Zylinderkopfdichtungen, Öl wie Nutel­la… Nach meiner Rechnung ist der Maschinenraum ca. 30-35 Meter hoch (habe Stufen gezählt, 88 bis zum Unter­deck)! ≈ Insge­samt ein Wunderwerk der Ingenieurskunst; ich war sowieso schon voller Hochachtung, nun erst recht. Bei diesem mo­dernen Schiff ist alles auf Ausnutzung der Energie bedacht. Bei 18 Knoten fährt es am günstigsten, 22 oder 24 Knoten kann es auch, dann ist der Verbrauch natür­lich deut­lich hö­her. ≈ 15.500 Container haben wir an Bord, pro Tag ca. 150 Tonnen Öl Verbrauch, umge­rechnet auf Lastwagen ist das unschlagbar! Wenn ich richtig rechne, dann sind das ~10 Liter Öl pro Container am Tag. An einem Tag schaffen wir ca. 500 Kilometer, also pro 100 km ein Verbrauch von 2 Li­ter. Die Mannschaft be­steht aus 29 Per­sonen, pro Container also 0,0019 Mann. ≈

Kein Land, kein Schiff, kein einziges, Wasser ruhig, Him­mel bewegter. Wir sind allein auf der Welt. ≈ Am Bug gewesen, herrlich dort, son­nig und schat­tig, gut zu sitzen, zu schauen und SEHR lei­se.

18.11.

Aufgewacht bei spiegelglatter See auf der Höhe Ägyptens. Wasser, Luft und Himmel sind grau in al­len Ab­stufungen. ≈ Das beste ist das Frühstü­cken: entweder in der offenen Tür unserer Kabine oder auf dem Balkon. Es gibt nichts Schö­neres, als beim Müsli aufs Was­ser zu schauen. ≈ Heute wer­den wir uns am Suezkanal an­stellen und mor­gen früh hin­einfahren.

19.11.

Ab 7 Uhr beginnt die Einfahrt in den Suezkanal. Port Said in malerischem Dunst: Morgen­nebel plus Verbrennen von Müll, wie die Nase si­gnalisierte. Bis zum Ufer sind es ca. 100 Meter, so haben wir das reinste Sightseeing. Steuer­bord ist es dicht besiedeltes und industriel­les Ägypten, Züge rattern mit Höllenlärm vorbei. Strom­masten, Felder, irgendwelche Anlagen, in den Städten deut­lich sichtbar auch umzäunte bessere Wohn­viertel. Kormora­ne, Gän­se auf der Rast. ≈ Backbord die Wüste in allen Schat­tierungen, mit und ohne Dünen, gelegentlich Oasen, aber vorzugsweis­e Wüste. Und einige Militärposten. Mich rührt bei einem die­ser Posten ein mit großen Steinen geleg­tes „Wel­come to Egypt.

Beim letzten Tageslicht gleiten wir an Suez vor­bei. Genau zur Zeit der Abendgebetes, die Mu­ezzinrufe we­hen zum Schiff herüber. Nun sind wir im Ro­ten Meer, und jetzt sind wir wirklich in der Fremde!

20.11.

Aufgewacht mitten im Roten Meer, den Sinai ver­passt. Morgens um 7 Uhr sind es schon 25 Grad im Schat­ten. ≈ Das Rote Meer verdampft. Der Dunst hat et­was Ein­hüllendes, Bergen­des ≈ Höhe Sudan, in der Nacht die Uhr vor­stellen. ≈ Isoliert vom Rest der Welt auf unse­rem (T)Raum­schiff durch die Zeit. ≈ Piratenüberfall-Übung: Im Bauch des Schiffes gibt es einen Safe-Room, in dem für uns alle Wasser und Nahrung für mindestens eine Woche ist. Und eine Dusche – dachte ich… Als ich fragte, lachten alle: hinter dem Vorhang waren nur Toiletteneimer ≈ Und Abends wetterleuchtet es an den Küsten.

21.11.

Auf Höhe Übergang Sudan-Eritrea aufgewacht, ca. 28 Grad um 8 Uhr, Wind recht stark, Gischt, blaues Wasser, sonst nichts. Gerade mal einen Tanker in weiter Ferne aus­gemacht ≈ Mir machen die Länder, an denen wir so luxuri­ös vorbeifahren, zu schaffen: Sudan, Eritrea. Denke nach über Gier, Sicherheitswünsche, die Zukunft, was ist zu las­sen, was zu verstärken, was brauche ich wirklich? ≈ Ges­tern in vollkommener Dunkelheit noch allein auf unserem Balkon gesessen und seltsame Gefühle bekommen: Schau­der vor der Nacht, der Schwärze. Heute beim Früh­stück und dem Blick aufs ewig leere Meer seltsame Anwandlun­gen von HORROR VACUI

22.11.

Beim Erwachen gegen 7.30 Uhr Land in Sicht, sind auf Höhe des Übergangs von Eritrea zu Dschibuti. Je näher wir der Meerenge kommen, desto „norwegischer“ sieht es aus, immer mehr kleine Felseninseln zeigen sich, unbe­wohnt. Die jemenitische Seite ist weicher, im Hinter­land eine beeindruckende Bergsilhouetten. In Malis Hinter­land Tafelberge ≈ Container­schiffe und Öltanker drängen sich durch die Meerenge. Dazu ein starker Wind, zeh­rend, quä­lend, anstrengend. Die Außentreppen sind gefährlich glit­schig von einem Gemisch aus Salz, Sand und Feuchtig­keit. ≈ Mittags im Golf von Aden. Von der Brü­cke aus se­hen wir auf der Backbordseite zwei unterschiedli­che Was­serfarben, das Dunkelblau des Roten Mee­res und zur jeme­nitischen Küste hin – wie mit dem Li­neal gezogen – das deutlich hel­lere Wasser aus dem Indi­schen Ozean. ≈ Das Fehlen von Fi­scherbooten und Zeichen ein­heimischer Be­siedlung ist ge­spenstisch. ≈ Auf der Brü­cke liegen vier kugelsiche­re Wes­ten griffbereit. Ansons­ten sind die Jungs dort oben gelassen wir immer.

23.11.

Während meiner morgendlichen Frühstücksmeditati­on über Leere und zu viel Horizont sehe ich plötzlich ein schnelle Bewegung im Wasser, denke „endlich ein gro­ßer Fisch“ springe zum Fernglas: ein Schnellboot, das Run­den dreht, mehr als 100 km von der jemenitischen Küste ent­fernt, von der somalischen mindestens 300 km. Bad boys? Später frage ich auf der Brücke ei­nen Officer, der grinst und sagt: „ein Fischerboot“, jedenfalls war das Boot so dekla­riert. Welche Fischer in diesem Tempo Fische fangen, möchte ich gerne wissen ≈ Wieder die Uhr eine Stunde vor­gestellt. ≈ Horizont bis zum Abwin­ken. Irgendwann ist auch mal genug mit Horizonterweite­rung! ≈ Dann passiert doch noch was: Plötzlich in der Ferne eine Gischtwelle, etwas schwarzes Langes, eine Wasserfon­täne – ein echter Wal! Lothar gelingt ein verwackeltes Beweisfoto. Spä­ter sieht er ei­nen großen Fisch dicht am Schiff, während er nach der Ka­mera greift, schaue ich auf quasi kochendes Wasser mit 6 oder 8 drei­eckigen Flossen, schon ist die Sze­ne vorbei. Eine Hai-Schlacht, diesmal ohne Be­weisfoto.

24.11.

Aufgewacht bei regnerischen Wetter paral­lel zur Küste Omans. Beim ersten Schritt vor die Tür fast wegge­flogen. Sturm in meinem Kaffeebecher! Die Windstärke steht in keinem Verhältnis zum Wellengang. ≈ Gestern Abend sagte uns der Kapitän, dass wir wahrscheinlich in Khor Fakkan an Land ge­hen könnten, er würde uns Pässe besorgen. ≈ Überschriften für den Film könnten auch sein: „Nowhere Something“ oder „Lost on the Ocean“ oder „Bloddy Horizon“ ≈ Dafür höre ich inzwischen im Moto­rengeräusch Obertöne wie bei einer mächtigen Orgel!

25.11.

Wieder schönes Wetter und sonst nichts. Einzi­ges Er­eignis sind am späten Vormittag gleich zwei Öltan­ker, die uns entgegenkommen. ≈ Pünktlich um 20 Uhr in Khor Fak­kan gelandet: eine Bucht, dicht umschlossen von einer Bergkette, ähnlich wie Algaciras, nur diesmal sind es Wüs­tenberge, kein Hälmchen Grün. Khor Fakkan ist ein be­scheidenes Städtchen direkt am Hafen. Also morgen kei­ne weiten Wege in die Stadt.

 

26.11.

Landgang. Nervosität. Aber alles bestens organisiert. Der Agent holte uns ab, freundlich, spricht gut englisch. Die Formalitäten sind einerseits umständlich, andererseits lasch. Lasch, weil er mit uns an jeder Sperre durchgewun­ken wird. Umständlich die Prozedur im Emigration-Depart­ment: intensive Beschäftigung mit unseren Pässen, Ge­sichtskontrolle, Stempel, zurück zum Checkpoint, hand­schriftliche Eintragung aller Details unserer Pässe in ein Buch, Unter­schriften. Auf dem Rückweg wieder beide Sta­tionen, nur et­was schneller. ≈ Khor Fakkan ist die unspekta­kuläre Rück­seite Dubais. Nur neue Gebäude. Der lan­ge Strand ohne Menschen. Am Ende des öffentlichen Strandes ein Luxus­hotel mit abgesperrtem Strand, dort viele europä­isch Bade­gewandete im Wasser. Auf der anderen Seite der großen Straße ein Park, dort Kindergruppen bei sportlicher Ertüch­tigung mit westlicher Musik und Hula-Hop-Reifen ≈ Lange Suche nach einem Super­markt. Schließlich fanden wir eine Art gigantischen Wool­worth. Haben Süßes als Mit­bringsel für unsere Crew ge­kauft, ich paar brave arabi­sche Schlüp­per (es gab im Sor­timent auch we­niger brave!). Mehr brauchten wir nicht, an Bord werden wir schließlich bestens versorgt ≈

Zum Glück fiel Lo­thar auf dem Rückweg noch ein Schild auf, das den Ein­gang zum ursprünglichen Dorf bezeichnete. Dort entstehen gerade Nachbauten der alten Fischerhäuser. Zwei Männer aus Sansibar ließen sich bei ih­rer Restaurie­rungsarbeit ger­ne stören. Sie waren sehr zu­frieden mit ihrer schönen Auf­gabe und sonst auch.

27.11.

Bei der Ausfahrt sehen wir hun­derte Öltanker auf der Anfahrt bzw. in Warteposition. Der Kapitän erzählt Lothar, dass die z.T. bis zu einem Mo­nat oder län­ger vor dem gro­ßen Ölhafen warten müssen, bis sie dran oder die Ölpreise günstig sind. Auf jeden Fall begreift man bei ei­nem Hori­zont voller Tanker das Ölgeschäft etwas besser! ≈ Am Mit­tag eine Überraschung in Form eines Kreuzfahrt­schiffes. Eben, am Abend, haben wir es in der Ferne von der Brücke anhand seiner Lichterpracht wieder ausgemacht und nach­sehen lassen, wie es heißt: Chrystal Symphonie. Fracht­schiffe sind nachts ganz dunkel – damit man von der Brü­cke in der Dunkelheit etwas sehen kann. ≈ Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass wir hier­mit aufhören…

28.11.

Erwacht mitten im Arabischen Meer/ Indischen Oze­an. Himmel wolkenlos, Meer nahezu wellenlos, Vormittags das Ereignis des Tages: ein Tanker fährt an uns von Süd nach Nord vorbei, während wir von Nord nach Süd fah­ren ≈ Unendliche Weite, nichts deutet darauf hin, dass es hinter dem Horizont etwas anderes geben könnte ≈ „Drills in the afternoon“ stand mittags an der Info-Ta­fel. Um 15 Uhr ge­hen wir zum Bug, ich sehe eine schnelle Wasserbewegung, vermute Delphine, die schräg vor dem Schiff entlang­schwimmen, kann sie aber nicht recht ausmachen. Vorne angekommen, kapierte Lothar am schnellsten: Die Jules Verne dreht sich auf der Stelle oder jedenfalls in engstmög­lichem Bogen. Die Sonne eilt, die Schatten ras­en: Das also war einer der „Drills“. Später auch Rettungsb­ootübungen vor unserem Bal­kon. ≈ Bei Sonnen­untergang dann wirklich eine Gruppe Delphine gesehen – leider recht weit weg, un­ser Frachtschiffungetüm ver­scheucht sie.

29.11.

Sehr viel Müll: Plastik, Kanister, Fischernet­ze, im­mer wieder. ≈ Den ganzen Tag kein anderes Schiff ge­sehen. Dafür jede Menge fliegender Fische! ≈ „Bad weather will be expected to­morrow“ steht an der Tafel. Bis zum Sonnen­untergang wird daran gearbeitet, die Container zu si­chern. Mal sehen, was morgen kommt

30.11.

Wieder die Uhr vorgestellt. ≈ Tag X, der mit dem schlechten Wetter: nichts Spektakuläres bisher passiert (18.00 Uhr). Es ist drückend und gespenstisch ru­hig den ganzen Tag. Am Nachmittag im Dunst ein Öltan­ker. Wir fahren wegen des Sturms eine ver­änderte Route und verste­cken uns hinter den Malediven. Auf unserer Spei­sekarte stand die Vorwar­nung: „Stroll in to the Maldivien tomor­row“ – sie nehmen das Unwetter ernst. Anderer­seits herrscht wie immer eine ruhige Routine auf dem Schiff.

 

1.12.

Vor 8.00 Uhr aufgewacht, da waren wir noch dabei, durch die Malediven zu „strollen“, aber im Dunst-Regen-Nebel ist keine Insel zu sehen. ≈ Um 9.30 Uhr kommen wir hin­ter der Inselgruppe her­vor und gleich frischt der Wind ange­nehm auf. ≈ Die Aussage des phi­lippinischen Offiziers auf der Brücke: Der eine Sturm ist umgangen, der nächste kommt ≈ Warum ist durchgehend gutes Wetter langweilig? Da „passiert ja nichts“… Warum wollen wir, dass „etwas passiert“? Jetzt beginnt das Schiff zu schwan­ken – hurra! ≈ Wir eilen mit gut 20 Knoten unse­rem Ziel entgegen.

2.12.

Wieder die Uhr eine Stunde vorgestellt. Morgens beim Aufwachen fast an Sri Lanka vorbei. ≈ Am Abend, in der Nacht heftige Wellenbewegungen. Abends haben wir zum ersten Mal auf dem Schiff einen Whisky getrunken – da schlittert plötzlich eines der Whiskygläser ge­folgt von einer großen, aufrecht stehenden Wasserflasche flott den Tisch hinunter: elegant in den Abgrund.

3.12.

Nieselregen um 8.00 Uhr und nur 27 Grad. Meer ru­hig. ≈ Ich sitze auf meinem „Feldherrenhü­gel“ (die Rück­lehne unserer stabilen Bank auf dem Balkon), frühstücke und denke, dass ich mich noch lange nicht satt gesehen habe am Meer. Übermorgen werden wir in Port Klang an­kommen und von Bord gehen. Hier haben wir unser schwimmendes Zuhause und immer die selben Menschen, Wasser, Himmel, paar Häfen. Sehr reduziert. In Asi­en wird alles auf uns einprasseln. ≈ Mir kommen unsere tie­rischen Mitreisen­den in den Sinn: Der Schmetterling, die Libelle, der Falke, die kleinen Singvögel – alle schnappen sich das Schiff als Heimat auf Zeit, dann lösen sie sich und su­chen etwas anderes. Sehr riskant. Sie wis­sen nicht, ob es gelingt

4.12.

Letzter Tag auf See. Um uns herum Schiffe. Auch zu­nehmend kleine Fischerboote. Vormittags feucht schwül, um 18 Uhr knallheiß und sonnig ≈ Viele Bäume an der Küs­te Sumatras ≈ Bisschen wehmütig, diese schöne Rei­se zu beenden. Die Zeit ist im wahrsten Sinne der Wor­tes ver­flossen.

05.12.

Lange vor Sonnenaufgang aufgestanden und vom Balkon unseren Zielhafen begrüßt. Dann backbord ge­schaut, dort ist mehr Natur als Metall. Ich brauche lange, um zu begreifen, dass das „Schilf“, das ich sehe, Mangro­venwälder sind. Da es noch Stunden dauern wird, ehe wir vom Schiff dürfen, frühstücken wir auf der Mangro­venseite ≈ Schon um 7 Uhr extrem heiß und schwül. Wir se­hen ei­nen Arbeiter ungeschützt auf den Con­tainern her­umlaufen und Dinge tun, die uns verrückt er­scheinen: Er geht vor­sichtig ganz an den Rand der Contai­nertürme und löst mit einer 4 m langen Stange die Verbindun­gen zwi­schen den Contai­nern unter sich. So kann der Kran deutlich schneller ausladen. Wir sind fas­sungslos über das Risiko, dem er aus­gesetzt ist. Als er uns sieht, macht er uns Zeichen, dass er Durst hat. Wir werfen ihm eine Fla­sche Wasser hinüber. Das sind die letz­ten Mi­nuten unserer Ankunft in Asien und in der Realität.

 

 

 

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