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Die Gaths von Varanasi, der heiligen Stadt am Gangesufer

Varanasi, Donnerstag 

Wir schlafen natürlich nicht. Es ist einfach zu kalt und der Schaffner ist nicht auffindbar. Gegen 3ººh morgens werfe ich mal einen Blick in das Abteil der 2. Klasse, vielleicht sehe ich ihn dort. Doch ich kann ihn nicht finden  und es ist auch kein Durchkommen. Die Flure sind belegt mit schlafenden Menschen und nur wegen ein wenig Kälte will ich nun auch nicht jemandem im Halbdunklem auf die Finger  oder die Ohren treten. Auf dem Rückweg zum Abteil gehe ich nochmals zur Toilette, der Hauptgrund unserer  1.Klasse Buchung. Und das hat sich gelohnt, sie ist sauber und für Edith und mich alleine.

Zugschaffner

Zugschaffner

Kurz vor halb sechs klopft es an unser Abteil und der verschollene Schaffner ruft „VARANASI!!!“ als der Zug auch schon anfängt abzubremsen.  Bei der Einfahrt in den Bahnhof schaue ich gespannt aus der bereits geöffneten Tür. Ob unser hiesiger Fahrer schon auf uns wartet? Langsam rollen wir an einem junger Inder in Anzug und einem Schild in der Hand vorbei, der uns  zuwinkt. Wie schön, er ist da und erleichtert winke ich zurück. Wer hat denn behauptet in Indien herrsche keine Pünktlichkeit. Doch als wir mit unserem Gepäck ausgestiegen sind, stelle ich fest, dass es nicht unser Fahrer ist. Er winkt immer noch allen offenen  Zugtüren, überall wo Westler aus dem Zug steigen, und kurz darauf hat er seine zwei weiblichen Gäste gefunden. So geht´s natürlich auch. Und unser Fahrer? Die Menschenmasse verläuft sich und weit und breit ist niemand zu sehen der seine Kunden noch nicht gefunden hat. Also werden wir vor dem Bahnhof nachsehen, vielleicht wartet er ja dort. Wir folgen der Menschenmenge und gehen die Treppe hinauf an deren Rand eine Ablaufrinne mit einem dunklen Rinnsal ist. Was mag das sein? Wasser? So rötlich? Nein, es ist eine „Spuckrinne“ und die rötlich Farbe kommt durch das Betel. Hin und wieder hat einer schlecht gezielt und ich halte mich so weit wie möglich in der Mitte der Treppe. Vielleicht ganz gut, dass es noch dunkel ist.
Wir haben fast den obersten Treppenabsatz erreicht, als uns ein junger Mann  im Eilschritt entgegenkommt. Als er zwei ausländische Frauen sieht, bremst er mit dem linken Absatz ab und hält ein  Schild mit unserem Namen hoch. Erleichtert nicke ich, wir brauchen nicht unbestimmte Zeit übermüdet vor dem Bahnhof zu warten.
Sein Auto, ein altes, aber gut gepflegtes britisches Modell  steht nur einige Meter entfernt. Diese in Indien noch sehr häufig gefahrenen Autos haben in Europa sicher schon Oldie-Status.Die Tür quietscht leicht in den Angeln und das Lenkrad hat einen, für mein Empfinden,  riesigen Durchmesser. Als ich das Fenster ein wenig öffnen möchte, gibt die Handkurbel einen wehklagenden Ton  von sich und ich lasse es lieber geschlossen.

Teeküche

Teeküche in Varanasi

Nach ca. einer Stunde Fahrt sind wir in Varanasi. Es herrscht immer noch Dunkelheit, aber die Stadt beginnt langsam zu erwachen. Die ersten kleinen Geschäfte öffnen und verkaufen Tee und Kaffee, Männer steigen auf ihre Fahrräder und Mopeds um sich auf den Weg zur Arbeit zu machen.

Morgenstunde

Morgenstunde

Metallrolläden werden klappernd nach oben gezogen und Händler schieben ihre Holzwagen mit Lebensmitteln über die Strasse. Als es zu dämmern beginnt kommen wir in unserem Hotel an. Das Hotel Ganges View liegt am Asi Gath und ist, laut Internet Beschreibung, ein kleines familiäres Hotel mit Blick auf den Ganges. Einer der Familienmitglieder, noch leicht verschlafen, nimmt uns  in Empfang und bringt uns auf unser Zimmer im dritten Stock. „Das Frühstück gibt es bis 10ººh im Erdgeschoss“ informiert er uns zum Abschluss und kaum ist er aus dem Zimmer fallen wir auf die Betten. Ach, das tut gut! Und ganz ohne Klimaanlage! Wir machen beide die Augen zu und verschlafen unsere ersten 3 Stunden in Varanasi.
Ausgeruht und wesentlich erholter werden wir gegen halb zehn wach. Das reicht noch um frühstücken zu gehen.
Der Frühstücksraum ist eingerichtet wie ein Wohnzimmer und wir setzen uns an einen der  beiden gedeckten Holztische. Das Frühstück ist vegetarisch, schließlich ist Varansi ein heiliger Ort und die Hotelbesitzer sind eine religiöse Familie. Also kein Omelett, sondern Toastbrot mit Marmelade und für jeden gibt es zwei Scheiben Scheiblettenkäse. Wir sind bei der letzten Tasse Tee angelangt, als wir Gesellschaft bekommen.

Hotelterrasse

Hotelterrasse mit Blick auf das Gangesufer

Eine junge Frau kommt und setzt sich zu uns an den Tisch, sie ist Spanierin aus Cordoba und mit ihrem englischen Freund in Indien. „Indien ist immer wieder eine spirituelle Bereicherung für mich“ erzählt sie uns und berichtet von ihren Plänen die nächsten drei Monate in einem  Ashram zu verbringen. Ein Ashram ist ein klosterähnliches Meditationszentrum, das von einem Guru geführt wird. Drei Monate?  Klosterähnlich wohnen? Doch sie ist begeistert und freut sich schon auf die vor ihr liegende Zeit.  Ihr Freund hat sich inzwischen zu uns gesellt. „Nichts für mich! So lange an einem heiligen Ort wie Varanasi,  ohne ein Glas Wein oder Bier, da fahre ich lieber nach Hause“ ist seine Meinung zu diesem Thema. Wir plaudern noch mit den beiden bis wir unseren Tee ausgetrunken haben, doch nun möchten wir Varanasi erkunden.
Varanasi, ehemals Benares, ist der älteste ununterbrochen bewohnte Ort der Welt. Seit Jahrhunderten kommen Pilger hierher um Erlösung und Trost zu suchen. Viele Gläubige kommen speziell nach Varanasi um hier zu sterben, denn wer in Varanasi verbrannt und im Ganges bestattet wird, hat eine Chance den Kreislauf der Wiedergeburt zu verlassen.

Gangesufer

Gangesufer

Als erstes möchten wir einen Spaziergang entlang der Ghats machen. Ein Ghat ist in Indien eine zu einem Gewässer hinführende Treppe. Neben vielfachen Verwendungsmöglichkeiten sind sie häufig wichtige Badestellen für rituelle Waschungen der  Hindus. Ghats gehören zum Stadtbild vieler indischer Städte, die an einem Fluss oder See liegen.
Langsam schlendern wir entlang des Ganges und staunend beobachte ich die Menschen. Da stehen Männer bis zu den Knien im sicherlich kalten Wasser und waschen Wäsche indem sie den Stoff immer wieder auf einen speziell dafür vorhandenen Stein schlagen. Andere sind dabei sich zu waschen, ein weiter Mann sitzt, mit einem kurzen Tüchlein um den Bauch, auf einem Treppenabsatz und scheint zu meditieren.

Pilger

Pilger in Varanasi

An einem Gath legt ein Holzboot  mit etwa 50 Pilgern an Bord an. Frauen in bunten Saris und Männer steigen mit ihrem Gepäck aus um hier am Ganges zu beten und im heiligen Wasser zu baden. Dabei sieht das Wasser nicht sehr heilig aus und es ist bekannt, dass der Ganges mit Kolibakterien geradezu verseucht ist.
Alle paar Meter werden wir angesprochen: „You want a boat? I make a good price!“  Im Wechsel mit den Bootsbesitzern kommen die selbsternannten Führer: „I show you Varanasi. Do you want to see my brothers shop?“  Nein, wir wollen nicht und sind genervt von der andauernden Anmache.  „Hallo“ tönt es nun schon wieder. „You speak english?“ möchte auch dieser junge Mann wissen, während er neben uns hergeht.  „Ja, ich spreche Englisch“ erkläre ich ihm ungeduldig und  in nicht sehr freundlichem Ton. „Aber wir brauchen keinen Führer, wollen nichts kaufen und gehen auch keine Fabrik besichtigen!“ stelle ich meinen Stadtpunkt klar. „No, please“ entgegnet er mit entsetztem Blick. „Ich will nichts verkaufen. Ich möchte nur besser Englisch lernen und mit euch sprechen.“  Ja klar, glaube ich ihm sofort aufs Wort! „Von mir aus kannst du machen was du willst. Aber wenn du was an uns verdienen willst, vergeudest du nur deine Zeit!“

Edith und Rahul

Edith und Rahul an den Gaths von Varanasi

Doch er bleibt trotzdem an unserer Seite,stellt sich als Rahul vor, erzählt von seinem Englischkurs und seiner französischen Freundin. „Französisch kann ich sehr gut, aber Englisch muss ich noch üben. Ich hoffe, ich werde  zu einer Prüfung als offizieller Reiseleiter zugelassen. Deshalb muss ich so oft wie möglich Englisch sprechen.“  Er erzählt uns von Varanasi, welche Tempel zu besichtigen sind und das Varanasi mehr als eine Millionen Einwohner zählt.  Als wir an einem Turm kommen erfahren wir auch seinen Zweck. „Das ist ein Wasserturm, darin wird Gangeswasser aus dem Fluss gepumpt und gefiltert.“ Gefiltert? Und dann? „Dann geht es in die Stadt und in die Häuser“ erfahren wir. Aus unserem Wasserhahn im Hotel kommt Gangeswasser? „Yes, of course“  meint Rahul in erstauntem Tonfall. Klar, Gangeswasser! Was denn sonst! Kann man das Wasser denn trinken? „Sicher, es ist doch gefiltert“ ist die spontane Antwort. Doch nach einem Moment des zögerns schränkt Rahul ein: „Na ja, als Ausländer vielleicht besser doch nicht.“  Irgendwo habe ich gelesen, dass das Durchschnittsalter in Indien bei nur 30 Jahren liegt und es mehr junge als alte Menschen gibt. Ob hier einer der Gründe dafür zu finden ist?
Einige Meter weiter gehen wir um eine Biegung und Rahul bittet uns hier keine Fotos zu machen. „ Am besten ihr lasst die Kamera in der Tasche, denn das ist hier einer der Verbrennungsgaths“ erklärt er uns. Fasziniert und neugierig gehen wir näher und Rahul führt uns an eine Stelle, von wo wir guten Blick auf das Geschehen haben. Es ist ein für uns ungewöhnliches Bild. Es sind große Holzstapel aufgebaut,  zwischen deren Stämme wir menschliche Körper erkennen können, die hier am Ufer verbrannt werden. Dazwischen spazieren Ziegen, Kühe und Straßenhunde. Direkt neben uns sitzen kartenspielende Männer auf dem Boden und scheinen zu warten, bis einer der Körper verbrannt ist. Gold-rote Tücher und orangefarbene Blumenketten schwimmen im Wasser oder liegen auf dem Boden.

Ghats in Varanasi

Gaths in Varanasi

Rahul  erklärt uns das wichtigste des Rituales: „Die Verstorbenen werden in gold- und rotfarbene Tücher gewickelt,an das Ufer gebracht und als erstes im Ganges gewaschen. Dabei bekommen sie fünf Schluck Gangeswasser in den Mund. Danach werden die Tücher und der Blumenschmuck entfernt und anschließend beginnt die Verbrennung.“  Und die Angehörigen? Schauen die zu? „Nur die Männer, Frauen dürfen hier nicht mit. Durch ihre Tränen kann die Seele des Verstorbenen nicht friedlich gehen.“  Nach dieser Begründung schaue ich um mich, tatsächlich sind wir hier die einzigen anwesenden  Frauen. Doch dadurch werde ich mich jetzt nicht vertreiben lassen, dazu möchte ich noch zu viel wissen. Einer der Holzstapel ist direkt gegenüber unseres Standplatzes. Ein Mann wird hier beerdigt und wir schauen genau auf seine Füsse, die ein wenig aus dem Holz herausragen. Wie lange dauert denn so eine Verbrennung? Und wo kommt das Holz her? Rahul gibt uns bereitwillig Auskunft: „ Die Verbrennung dauert etwa drei Stunden und  danach wird die Asche in einem feierlichen Ritual in den Ganges gestreut. Das Holz wird angeliefert und ist sehr teuer, eine Verbrennung mit Holz können sich nur Reiche leisten.“

steile Treppen in Varanasi

steile Treppen in Varanasi

Rahul schätzt die Kosten auf ungefähr 7.000 Rupien was  ca. 120 € entspricht. Wer das Geld nicht aufbringen kann, hat die Möglichkeit seinen Angehörigen im Krematorium einäschern zu lassen. Das Gebäude steht direkt hinter uns, aber das ist natürlich nicht das Gleiche. Es fehlt die Zeremonie der Waschung im Ganges und es ist laut Rahul auch nicht gut in einem geschlossenen Raum verbrannt zu werden. Das sollte möglichst unter freiem Himmel geschehen.  Während Rahuls Erklärungen knistern die Feuer weiter und die aus dem Holzstapel schauenden Füsse fangen an sich zu verändern und werden kleiner. Eine Ziege leckt an einem der Holzstämme, vermutlich ist Körperflüssigkeit daran. Die Männer neben uns zocken weiterhin Karten und der Gewinner äußert lautstark seine Freude darüber.  In Indien herrscht offensichtlich eine andere Einstellung zum Sterben, es ist ein Bestandteil des Lebens wie auch die Geburt. Und vielleicht ist ja der Verstorbene endlich aus dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburt befreit. Denn Leben bedeutet Leiden, zumindest für die meisten, und dieses Leiden ist dann beendet.
Doch nicht jeder wird hier eingeäschert, sondern es gibt Ausnahmen. Dazu gehören die Sadhus, die „entsagenden“ asketisch lebende Mönche, und Kinder unter 12 Jahren. Auch die Kaste der „Unberührbaren“ gehört laut Rahul dazu. Und was passiert mit den Körpern? „Die kommen in den heiligen Ganges, meistens an einer ruhigen Stelle wo wenig Strömung herrscht“  bestätigt mir Rahul, was ich schon zuvor gehört hatte, aber nicht so recht glauben wollte. Damit die Körper unter Wasser bleiben, werden  mit Seilen Steine  zum Beschweren angebracht.

Hausziegen

Hausziegen

Wie in einem Mafiafilm! Doch hin und wieder löst sich der Strick, der Leichnam treibt nach oben und fließt den Ganges entlang in Richtung Kalkutta. Vorausgesetzt er bleibt nicht an den Stufen eines Gaths hängen.  Na, da bin ich ja mal auf unsere morgige Bootsfahrt gespannt!
Inzwischen macht Rahul einen unruhigen Eindruck und schaut immer wieder zu den Männern, die die Verbrennungen organisieren und das Holz verkaufen. Sind wir schon zu lange hier und wird von den Angehörigen daran Anstoß genommen? „Ja, ich denke es wäre schon besser, wenn wir weitergehen würden“ kommt Rahuls erleichterte Antwort.  Daher verlassen wir  das Harishchandra Gath mit seinen Verbrennungen und spazieren weiter.
Da haben wir ja Glück gehabt mit unserem Begleiter. Alleine wären wir sicher nicht so lange stehen geblieben und keiner hätte unsere Fragen beantwortet. Bin ja mal gespannt, in welchen Laden er uns schleppen möchte.

Wäsche waschen am Gangesufer

Wäsche waschen am Gangesufer

Kaum sind wir um die Ecke bietet sich uns ein anderes, farbenfrohes Bild. Hier wird von professionellen Wäschereien Kleidung, Betttücher, Saris und Handtücher gewaschen und getrocknet. Ein Teil auf provisorisch angebrachten Wäscheleinen und der Rest wird auf den Stufen ausgebreitet. Auf den Stufen, auf denen wir und Hunderte von anderen Menschen und Tieren gehen. „Liebe Güte, die legen die frischgewaschene Wäsche zum Trocknen in den Dreck!“ stellt Edith die Szenerie in einem Satz dar. „Nicht nur, dass die Kleidung in dem schmutzigen Gangeswasser gewaschen wird“ stellt Edith ihre hausfraulichen Betrachtung an. „Doch  die nassen Stoffe einfach in den Schmutz legen!  Und dann noch der Kuhmist dazwischen!“  Rahul sieht das anders: „Das ist nicht Schmutz, sondern nur Staub und Sand. Wenn die Sachen trocken sind schüttelt man das einfach ab.“  Vielleicht würde ich das auch so sehen, wenn ich in einem Land geboren wurde in dem es drei Monate im Jahr regnet und die restlichen neun Monate trocken, staubig und heiß ist.

Essensausgabe an einem der Ghats

Essensausgabe an einem der Gaths

Und wer weiß, vielleicht wird mit dem Gangeswasser die Wäsche doch sauber. Denn die meisten Inder, die ich sehe sind sauber und gepflegt gekleidet, genauso wie unser Begleiter Rahul.  Wo wird denn seine Wäsche gewaschen? Auch im Ganges?  „Nein, nein“ erklärt er mit einem Lachen. „Wir waschen und trocknen unsere Sachen natürlich zu Hause.Wir haben  fließend Wasser in der Wohnung.“  Während unserer Unterhaltung mit Rahul sind wir am Dashaswamedha Gath angekommen.

Dashawameda Gath

Dashawameda Gath

Von hier führt eine breite Treppe hinauf ins Zentrum und zu den verkehrsreichen Einkaufsstraßen von Varanasi. „Möchtet ihr einen Tempel besichtigen?“ bietet Rahul uns an. Doch wir haben schon so viele Tempel gesehen, wir möchten heute einen tempelfreien Tag und lehnen das Angebot ab. Am besten wir gehen von hier aus auf der Hauptstraße langsam zurück ins Hotel.  Sicherlich sieht auch Rahul seine „Führung“ als beendet und ist froh wenn er  nach neuer Gesellschaft Ausschau halten kann. Daher verabschiede ich mich freundlich von ihm, bedanke mich für seine Erklärungen und möchte ihm ein Trinkgeld geben. Entsetzt schaut er mich an: „No, please! Ich bin kein Reiseleiter und ich möchte auch kein Geld von euch!“ Na nu!?  „Ich wollte mich wirklich nur mit euch unterhalten“ beteuert er nochmals.

Einkaufsstrasse

Einkaufsstrasse

Doch da er uns ein angenehmer und guter Führer war drängen wir ihn dazu, das unserer Meinung nach verdiente Geld zu nehmen. „Warum wollt ihr euch denn von mir verabschieden? Habe ich euch verärgert oder was falsches gesagt?“ ist seine nächste Frage. „Ich hatte den Eindruck du  möchtest vielleicht  nach Hause gehen, zu Mittag essen oder deine Freunde treffen“ versuche ich zu erklären. „Nein, ich habe den ganzen Tag  Zeit und bringe euch selbstverständlich bis zum Hotel.“

Tuktuk- und Rikschaverkehr

Tuktuk- und Rikschaverkehr

So gehen wir nun zu dritt die verkehrsreiche Strasse entlang. Haarscharf fahren die Rikschas, Tuktuks, Mopeds und Handwagen an uns vorbei und mehrfach muss ich schnell meine Füsse oder den Ellenbogen einziehen um nicht angefahren zu werden. Bettler sitzen auf der Strasse, auf einem Holzwagen wird Mangomarmelade verkauft und das ganze ist untermalt von Hupen, Rufen, Musik und Fahrradklingeln. In einer engen Kurve kommt uns ein eiliges Tuktuk entgegen, das auf zwei quietschenden Rädern grade noch so die Biegung schafft. Auf dem Dach ist ein in gold-rote Tücher gewickelter Körper festgebunden, offensichtlich auf dem Weg zum Gangesufer. Hoffentlich verliert der Fahrer bei dem Fahrstil nicht seinen Passagier.
Trotz des Lärmpegels schaffen wir es mit Rahul im Gesprächs zu bleiben, wenn auch mit einigen Unterbrechungen, da sich des öfteren Fahrzeuge zwischen uns drängen. Seine Freundin war schon zwei mal hier und nun hofft er ,sie einmal in Frankreich zu besuchen. Doch das ist so gut wie unmöglich, der Flug ist teuer und es wird immer schwieriger ein Visum zu bekommen. Außerdem muss er als ältester Sohn für seine Eltern sorgen und sein Vater hat seit einem Unfall Probleme mit dem Knie.  „Wie alt bist du denn?“ möchte ich von ihm wissen. „Neunzehn“  bestätigt Rahul meine Vermutung.

Teepause

Teepause

Der Weg durch die Stadt ist weiter als ich dachte und es ist schon vier Uhr als wir an unserem Hotel ankommen. Als wir uns von Rahul verabschieden macht er uns einen Vorschlag: „Abends ist immer eine sehr schöne Zeremonie am Dashaswamedha Gath. Möchtet ihr mit mir hingehen?“  Warum nicht? Wir verabreden uns mit Rahul für 6ººh und machen jetzt  eine verdiente Ruhepause auf der Dachterrasse des Hotels.
Als wir um sechs Uhr vor das Hotel gehen ist Rahul schon am Warten und gemeinsam gehen wir bis zum Dashaswamedha Gath. Als wir in beginnender Dunkelheit dort ankommen herrscht reges Treiben an dem Gath.

allabendliche Zeremonie am Gangesufer

allabendliche Zeremonie am Gangesufer

Mit Holzplanken sind Tische und Bänke aufgebaut worden, an einigen Stellen wurden Teppiche ausgelegt und die Menschen drängen sich auf den Treppen um einen Sitzplatz zu finden. Am Flussufer stehen in gelbe Gewänder gehüllte Brahmanen und bereiten die Zeremonie vor. Rahul sucht uns einen Platz von dem aus wir alles überblicken können und als wir uns zwischen die vielen Menschen setzen werden wir mit freundlichem Nicken begrüsst. Eine Armlänge von uns entfernt stimmen Musiker die ersten Töne an. Auf dem Fluss versammeln sich Boote mit Pilgern und Touristen, die vom Fluss aus die Zeremonie betrachten werden.
Nun sind die Vorbereitungen abgeschlossen und in der Dunkelheit bekommen wir eine beeindruckende und bewegende Zeremonie zu sehen und zu hören. Die Brahmanen schwenken  Messingschalen mit Myrrerauch, Kandelaber mit Kerzenfeuer  und bimmeln gleichzeitig mit kleinen Glöckchen , dazu erklingt melodischer Gesang der Musiker.

Brahmane

Brahmane

Auf der „Bühne“ sind kleine brennende Kerzen verteilt , deren flackerndes Licht die Szene beleuchtet. Und nicht nur hier am Gath, auch auf dem Ganges treiben unzählige Teelichter in kleinen, aus Blättern gebastelten, Schalen dahin und tauchen den Fluss in ein warmes Licht.
All die vielen Eindrücke lassen die Zeit wie im Flug vergehen. Am Ende der Zeremonie verlassen wir zusammen mit Rahul das Menschengedränge. Es ist stockdunkel und ich schlage vor, dass wir mit einem Tuktuk zurückfahren. Doch Edith lehnt kategorisch ab, seit Delhi weigert sie sich in ein Tuktuk zu steigen. Da bleibt uns nicht anderes übrig, als bei Dunkelheit über die schlecht beleuchteten Gaths zurück zu gehen. Gott sei Dank bleibt Rahul bei uns und passt auf, dass keiner von uns beiden auf den unregelmässigen Stufen stolpert. Er gibt uns sicheres Geleit bis vor unser Hotel, wo er sich von uns verabschiedet. „Möchtet ihr morgen die Tempel ansehen?“ fragt er uns zum Abschluss. „Ich warte hier um elf Uhr, dann können wir zuerst  zu einem Ashram gehen. Dort wird vom „Baba“ jeden Tag um 12ººh Essen verteilt.“  Das hört sich interessant an und wir verabreden uns mit ihm für den folgenden Tag.
Im Hotel haben wir uns für heute zum Abendessen angemeldet, welches im gleichen Raum stattfindet wie das Frühstück. Da es nur zwei grosse Tische gibt, setzen sich die Gäste zwangsläufig zusammen. An unserem Tisch sitzen zwei Amerikanerinnen, ein Franzose, ein Inder sowie Edith und ich. Die Gespräche sind abwechslungsreich und interessant, jeder weiss von Reisen durch Indien oder andere Ländern zu berichten. Wir verbringen einen unterhaltsamen Abend, doch der Tag war lang und wir hatten wenig Schlaf. Daher sind wir die Ersten die aufbrechen und in ihr Zimmer gehen.  „Good night!“

Rundreise durch Indien- von Neu Delhi durch Rajasthan bis Varanasi

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Über den Autor

Elke Hoppe

Vor ca. 20 Jahren bin ich von Deutschland nach Spanien ausgewandert, um auf der Sonnenseite Europas leben zu können. Doch auch von hier aus habe ich das Bedürfnis mehr von der Welt kennen zu lernen.
Da es mir zeitlich und beruflich möglich ist, mache ich seit 2005 einmal im Jahr eine „große Reise“. Begleitet werde ich dabei von Edith, meiner Mutter, die vor 18 Jahre ebenfalls aus dem deutschen Regen in die spanische Sonne geflüchtet ist.
Bisher hat uns unsere Reiselust nach Asien, Kenia und Peru geführt. Für das Jahr 2009 hatten wir uns für Indien entschieden und dort neben Rajasthan inzwischen auch andere Regionen besucht. Auf den Rundreisen in Indien waren wir in Begleitung von unserem Fahrer Prakash Acharya. Er ist ein zuverlässiger und informativer Reisebegleiter, den ich sehr empfehlen kann. Prakash hat sich vor einigen Jahren selbständig gemacht und falls jemand mit ihm eine Rundreise machen möchte bin gerne bereit den Kontakt herzustellen.

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