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Lech am Arlberg (2.Teil)

Weißer Ring

Weißer Ring

Ein Platz zum Wohlfühlen – Lech am Arlberg

Auf der Suche nach den Quellen seiner Ausstrahlung

„Es isch ä schüüs“, das heißt auf deutsch soviel wie  „schön ist es“. Nun gehören  jedoch die so fremdartig klingenden Worte auch zu einer deutschen Sprache: dem Walserdeutschen. An die 80.000 Bewohner im Oberwallis, das ist der östlichste Teil des Kantons Wallis, sprechen heute noch diesen höchstallemannischen Dialekt, und man hört ihn noch in vielen Tälern und Orten im Alpengebiet – so auch in Lech.

Vor über 1.000 Jahren zogen die Walser vom Berner Oberland in den obersten Talabschnitt des Oberwallis, ins Goms. Im späten Mittelalter wanderten viele von ihnen nach Osten, das Goms konnte sie nicht mehr ernähren, sie suchten nach neuem Land .  Eine Gruppe kam bis ins oberste Lechtal und konnte sich hier ansiedeln. Aus ihrer Heimat nahmen sie das starke Selbstbewusstsein von Menschen mit, das sie zum Überleben in den rauhen Hochlagen gebraucht haben, und das sich die Walliser bis heute bewahrt haben, sie fühlen sich als die eigentlichen Schweizer, für sie ist alles was nicht im Kanton Wallis liegt schlicht die „Üsserschwiz“,  die Ausserschweiz.

Walserdeutsch wird  im obersten Lechtal auch heute noch gesprochen, es werden leider immer weniger, die diesen uralten Dialekt noch pflegen, meist sind es die Alten, wenn sie beim Kartenspiel zusammensitzen ; für die meisten Jungen ist es fast schon  eine fremde Sprache.

„Mit jeder Sprache, die ausstirbt, wird ein Bild des Menschen ausgelöscht“

(Gustavio Paz / Mexiko, Literatur-Nobelpreisträger)

Der Weiße Ring

Als vor fast siebzig Jahren der Bregenzer Sepp Bildstein die Idee hatte, eine geschlossene Schirunde mit mechanischen Aufstiegshilfen und Abfahrten zu bauen, von Lech über den Rüfikopf nach Zürs und über das Madlochjoch wieder zurück nach Lech, da konnte er nicht ahnen, was er mit diesem Einfall in Bewegung setzen würde. Sepp Bildstein war nicht nur ein visionärer Planer, er war auch ein Spitzensportler als Schifahrer und Schispringer, er war Leiter der Bergbahnen Lech-Zürs und der Erfinder der ersten Sicherheitsbindung, der „Bildstein-Federstrammer-Bindung“.

30 Kilometer ist die Tour lang, davon sind etwa 22 Kilometer Schiabfahrt mit über 2.700 Metern Höhenunterschied. Seit 2005 findet jedes Jahr ein Rennen statt, mit über 1.000 Teilnehmern, und die Schnellsten schaffen die gesamte Strecke in etwas mehr als einer Stunde. Für den Durchschnittsurlauber, der nach einem geruhsamen Frühstück etwas später mit dem Schifahren beginnt, ist das eine Tagestour – allerdings eine gemütliche, und am Weg  liegen auch einige behagliche Hütten, an denen man schwer vorbeifahren kann. Der Höhepunkt des „Weißen Rings“ ist natürlich die berühmte Madlochabfahrt, vom Madlochjoch hinunter nach Zug oder direkt nach Lech. Jeder Schifahrer, der zum Arlberg kommt, muss mindestens einmal in seinem Schifahrerleben das „Madloch“ gefahren sein.

Die Lecher „Traumabfahrt“ ist jedoch der Langezug vom Rüfikopf hinunter nach Lech. Durch den Bau des Schafalplifts wurde auch die weite Mulde unterhalb der Rüfikopfbahn für den Pistenfahrer erschlossen. Dieser Schlepplift bringt den Schifahrer von der Senke hinauf zur Kante in den Steilhang, der tief unten im Tal des Walkersbachs endet – bei gutem Schnee und schönem Wetter ist das Lechs erlesendste Abfahrt.

Es gibt noch eine Menge zu entdecken. Wer kennt sie nicht die weiten, baumlosen Hänge von Zürs?  –  Sehnsucht  aller Tiefschneefahrer; ob Zürsertäli vom Muggengrat hinunter nach Zürs, oder die Abfahrten beim Zürsersee- und Seekopflift. Übrigens die Bergstation des Muggengratlifts, hier ist der Start der Tour durchs Zürsertäli, liegt auf einer Höhe von 2.450 Metern und ist die höchstgelegene Liftstation im Schigebiet Lech-Zürs.

Alberts Hütte bei Stütze 6

Alberts Hütte bei Stütze 6

Die Heuhütte bei Stütze 6

„Da ist aber nicht viel Alkohol drinnen“, fast entschuldigend sagt er das, und zum Essen hätte er nur Cabanossi und Brez’n, die seien ein wenig hart, nichts für schlechte Zähne. Er, das ist Albert Vögel, der Wirt von „Albert’s Hütte – Stütze 6“. Wirt ist nicht das treffende Wort, da würden die meisten etwas Größeres dahinter vermuten. Alberts Hütte hat gerade mal für zehn bis fünfzehn Gäste Platz, die „Küche“ ist nur ein kleiner Verschlag mit einem Kocher zum Heissmachen des Mosts. Und trotz allem, so stellen sich Schifahrer eine Berghütte vor. Wir nehmen sein gesamtes „Angebot“ in Anspruch: heisser Most, Cabanossi und Brez’n.

Albert Vögele

Albert Vögele

Wer die Seekopf-Standard-Abfahrt fährt, sollte den Albert Vögel in seiner kleinen Hütte besuchen. Als Belohnung erwartet ihn eine, in den meisten Berghütten schon verloren gegangene Hüttenatmosphäre – im Gegensatz zu den Alpin-Ballermännern mit ihrer oft ohrenbetäubenden Dodelmusik. Die Hütte steht auf Familiengrundbesitz und Albert Vögel hat den alten Heuschuppen zu einem zwar kleinen, aber gastlichen Refugium umgebaut. Die Getränke und Speisen verpackt er in Behälter, fährt mit dem Seekopflift hinauf, wirft alles bei Stütze 6 hinunter, fährt dann auf seinen Schiern von der Bergstation zu seiner Hütte und sammelt die abgeworfenen Kisten ein. In Bludenz, seinem Wohnort, war er viele Jahre erfolgreich als Stadtrat tätig – doch nach seiner Pensionierung ist er wieder zu seinen Wurzeln, zu den Almen unterhalb des Zürsersees, zurückgekommen.

Der Arlberg-Verbund mit St. Anton

Es hat so um die minus 10 Grad, und der Westwind aus dem Klostertal wirbelt den pulvrigen Schnee durch die Luft. Der Einschnitt hinauf zum Arlbergpass, zwischen den Lechtaler Alpen im Norden und der Verwall Gruppe im Süden, wirkt wie eine Düse, die den Wind fast bis zum Sturm hochtreibt.

Wir stehen bei der Alpe Rauz, an der Talstation des Valfagehrlifts und hoffen, dass es weiter oben windstliller sein wird; der blaue Himmel verspricht zumindest gute Sicht. Bis hierher fährt der Schibus von Lech. Im Arlberg-Schipass ist alles inbegriffen: die Lifte rund um den Arlberg- und Flexenpass, sowie die Busverbindungen – eine feine Sache. Denn die Gebiete St. Anton, St. Christoph und Stuben stehen denen von Lech-Zürs um nichts nach. Etwas weitläufiger, auch schroffer und wilder als das Lechtal ist die Gegend um die Valluga und Albona schon. Doch bei guten Verhältnissen – Schnee und Wetter – sind die Abfahrten die Erfüllung von Schifahrerträumen; sei es das Steißbachtal, seien es die Kandahar vom Kapall nach Nasserein, das Schindlerkar, Mattounjoch, die Valfagehr von der Schindler Spitze über die Ulmer Hütte bis nach Stuben. Und das alles inmitten einer imponierenden Hochgebirgswelt. Zusammen mit Lech-Zürs ein Mussziel für jeden, der sich entschlossen hat, seine freien Stunden auf den „Zwei Brettl’n“ zu verbringen.

auf der Valluga

auf der Valluga

Apropos, die zaghafte Hoffnung bei der Alpe Rauz, dass es oben windstiller werde, hat sich erfüllt, und wir sind alle die vorhin aufgezählten „Schifahrerträume“, Pulverschnee und Sonnenschein inbegriffen, gefahren – nein, wir sind den Berg hinuntergeschwebt.

„Burakoscht“ – „Essa wie mas am Läch früher gwonat woor“

„Also ich nehm ein Walser Gröstl und ein Bier dazu“, die walsersche Bezeichnung  „As Chrööscht“ verkniff ich mir, die richtige Aussprache wäre mir wohl nicht ganz gelungen. Aber auch ohne walsersche Sprachkentnisse konnte ich mit dem Gröstl gut umgehen – es blieb nichts auf dem Teller. Unbedingt probieren muss der hungrige Schifahrer „Öpfelkratzed“, das ist ein Apfelschmarrn der Extraklasse. Und wo findet man das? Das und noch mehr steht auf der Speisekarte mit der Überschrift „Original Arlberger Burakoscht“ und liegt im Hotel Jagdhaus Monzabon auf, mitten in Lech. „Monzabon“ nennt sich nicht nur das Hotel, der Name taucht auch bei diversen Flurnamen auf. Wenn man mit den Schiern vom Rüfikopf nach Zürs hinüber fährt, überquert man das Monzabonjoch, kommt am Monzabonsee vorbei und erreicht dann vor dem Parzüeltal die Monzabonalp.

Der eine Abend im „Monzabon“ ist ein „Leckerbissen“ gewesen. Eine Woche dauert so ein Schiurlaub mindestens, und wohin an den noch verbleibenden Tagesenden?

Gasthof Salome

Gasthof Salome

Ein Ausflug nach Oberlech gefällig? Am Abend ist die Gondelfahrt hinauf nach Oberlech ein besonderes Erlebnis: Im Tal die beleuchtete Ortschaft und droben kommen langsam die Lichter von Oberlech näher. Die Fahrt ist fast zu rasch vorbei. Von der Seilbahnstation ist es dann eine knappe halbe Stunde zu Fuß bis zum Gasthof Salome. In Prospekten ist es als ein Viersterne-Hotel angeführt, doch dem Haus mit dem gemütlichen Stüberl gebührt auch der Ehrentitel „Gasthof“. Nicht nur am Abend ist es mindestens einmal in einem Urlaub ein Fixpunkt, sondern auch untertags, – wenn es draußen ungemütlich ist, lockt das Stüberl, oder bei schönem Wetter lädt die Terasse ein, und das ohne Jodelgetöse.

Weiter hinten im Lechtal

Der Lech „entspringt“ nicht, sondern er entsteht durch dem Zusammenfluss zweier Bäche; dort wo Formarin- und Spullerbach enden, beginnt der Lech, ein paar Kilometer westlich von Zug. Der frühere Weiler „Zugg“ hat sich im Laufe der

Zeit zu einem zwar  kleinen, aber idyllischen Dorf entwickelt, wie aus einem Tourismusprospekt   entsprungen, in der Wirklichkeit nur viel reizvoller. Von Zug weg braucht der Lech noch 260 Kilometer, um die Strecke durch Vorarlberg, Tirol und Bayern zurückzulegen; östlich von Donauwörth mündet er dann in die Donau.

Zug

Zug

Nach Zug kann man auf vielen Wegen kommen: auf einer Schiabfahrt, auf der Langlaufloipe, auf einem Wanderweg oder mit dem Schibus. Zum Abendessen fährt man mit dem Schibus bis zum Kirchlein und geht von dort ein paar Minuten zum Gasthaus Alpenblick. Der Abend in einer der urigen Stuben ist ein Eintauchen in eine Welt ohne Eile – eine gute Voraussetzung für ein paar genussreiche Stunden, denn Genuss hat auch etwas mit Langsamkeit zu tun. Der Weg zurück nach Lech ist einen Spaziergang wert, am Rande der Langlaufloipe, entlang des Lechs – das ist eine Stunde Stille, nur vom Knirschen der Schritte im Schnee und dem Plätschern des Bachs begleitet.

Die Terasse an der Südseite des Alpenblicks ist für sonnige Tage gedacht. Auf einem Platz an der Hausmauer ist das eine kuschelige Angelegenheit, inklusive einer besonderen Aussicht. Weiter unten fließt der noch junge Lech; einige Langäufer wandern auf der Loipe vorbei, weiter ins Lechtal hinein; und nicht zuletzt kannst du die Schifahrer beobachten, die vom Madloch, vom Stierloch oder aus dem Zugertobel zur Talstation des Zugerberglifts hinfahren – das alles nimmst du nur beiläufig wahr, denn die unvergleichliche Szenerie des Lechtales nimmt dich gefangen. Im Süden, auf der anderen Seite des Lechs, ragen die Hänge des Omeshorns, des Schafbergs und  Mehlsacks auf,  und nach Westen wandert das Auge weit hinein ins Lechtal, bis zu den Bergen des Lechquellen Gebirges. Wenn du dann öfter mal deine Augen schließt, dann kann es schon vorkommen, dass du ins Träumen kommst und hier zu lange sitzen bleibst und den letzten Liftsessel hinauf zur Palmenalpe versäumst – aber das ist auch kein Malheur, der Schibus bringt dich auch nach Sonnenuntergang wieder zurück nach Lech.

Da hinten in Zug entdeckst du deine garantierte Wohlfühlstätte, – und ist es nicht so, dass die besten Tage im Leben eines Menschen immer jene sind, an denen er einen Platz findet, der zur Bühne seiner Phantasie wird?

Nachsatz

Meine Tochter Sigrid war schon, als sie drei Jahre alt war,  in Lech und rutschte damals auf  der Wiese neben der Rüfikopfseilbahn herum. Mit sechs Jahren fuhr sie dann schon alle Abfahrten hinter mir her, oft ungeduldig, weil es ihr zu langsam ging. Und ein paar Jahre später, ich weiss nicht mehr bei welcher Gelegenheit, verkündete sie, dass sie später soviel Geld verdienen möchte, dass sie sich ein Pferd und einen Schiurlaub in Lech leisten könne.

Heuer im Jänner ist sie wieder einmal in Lech gewesen, und das mit dem Pferd hat auch geklappt, es sind allerdings mehrere geworden.

Noch eine kleine, doch kennzeichnende  Episode am Rande: Unsere  Strolz-Schischuhe sind schon mehr als zehn Jahre alt,  und  die Absätze waren schon  ziemlich  abgetreten,  – an sich birgt natürlich schon das Alter der Schuhe  einen Affront gegenüber unserer Wegwerfgesellschaft  in sich, wo der traditionelle Qualitätsbegriff schon verloren gegangen ist.  Ein kurzer Besuch  im Sporthaus Strolz: Nach einer halben Stunde waren die Gummi erneuert und auf meine Frage, was ich denn zu bezahlen hätte, erhielt ich nur die knappe Antwort: „Passt!“

Noch eine Anmerkung zu diesem Text – es ist fast eine Entschuldigung. Dem Besucher bietet sich ein buntes Mosaik von Eindrücken über die Welt an der Quelle des Lechs. Er kann daraus nur wenige Steine auswählen – doch welche der Steine er auch mmer betrachtet, es wird immer eine Liebeserklärung an Lech.

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Franz Haslinger, Lech im Jänner 2010

Lech am Arlberg (2.Teil)
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Über den Autor

Franz Haslinger

Fotografieren heißt: Das Einzigartige eines Augenblicks im Bild festhalten, so dass dieser Moment das Allgemeingültige einschließt;
dazu muss der Fotograf weniger das was er sieht fotografieren,
sondern das, was er fühlt, und dazu muss er mehr ein Poet als ein Grafiker sein.

Eine Reaktion bis “ Lech am Arlberg (2.Teil) ”

  1. Sehr geehrter Herr Haslinger

    durch Zufall habe ich diesen Bericht entdeckt – über eine Werbeseite.

    Normalerweise öffne ich solche links nicht, doch dann war ich neugierig.
    Vielen Dank für die netten Zeilen, die Sie über unser Haus – über unsere Salome geschrieben haben.
    Vielleicht kommen Sie wieder vorbei, stellen Sie sich doch bei uns vor.
    wir würden uns sehr, sehr freuen, mit Ihnen ein wenig plaudern zu können.

    Danke und eine schöne und gute Zeit.
    Wir senden die besten Grüße aus einem wunderschönen, sonnigen Oberlech
    Frau Beiser

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