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Mit dem Rucksack von Bolivien nach Nord-Argentinien

Ein Auszug aus meiner 11-monatigen Reise durch Südamerika im Juni 2008

Mein nächstes Ziel war Sucre, offiziell immer noch die Hauptstadt von Bolivien, auch wenn der Regierungssitz nach La Paz verlegt wurde. Für eine Hauptstadt ist Sucre recht klein (ca. 250.000 Einwohner), aber dafür umso gemütlicher. Alle Gebäude sind weiß, es ist angenehm warm tagsüber; Palmen sorgen für mediterranes Flair.

Ich buchte einen Ausflug zu Pferd zu ein paar Wasserfällen. Auf der Teilnehmerliste standen nur zwei Namen, Glenn und Kate aus England. Mit unseren Pferdchen und Guide Johnny (er hieß eigentlich „John Wayne“) ritten wir für 5 Stunden durch die Stadt in die Berge. Ich muss zugeben, als Reiterin bin ich nicht wirklich zu gebrauchen. Ich war froh, dass wir überwiegend Schritt gingen und nicht zu oft trabten oder galoppierten. Die nächsten Tage konnte ich kaum mehr sitzen. Mein Pferd war sicher genauso dankbar, als endlich kein kartoffelsackartiges Etwas mehr auf seinem Rücken rumturnte…

Sucre

Sucre

Trotzdem hatte sich die Pferdeplagerei gelohnt, denn ich hatte auf diesem Weg meine neuen Travellerfreunde kennengelernt, mit den ich die nächsten 3 Wochen zusammen reiste, Glenn und Kate. Abends trafen wir uns in einer holländischen Kneipe (die Holländer scheinen Bolivien zu mögen), Joyride, wo es sogar Bitterballen und Kroketjes gab. Außerdem hatten sie dort einen Kinosaal, wo man jeden Abend tolle Filme gucken konnte. Leider fing die EM ein paar Tage zu spät an, denn die wurde auch auf dieser großen Leinwand übertragen. Hier hätte ich mit jeder Menge anderen (Halb-)Holländern oder Deutschen (je nach Spiel bin ich für die einen oder die anderen) Fußball gucken können. Tja, aber wir mussten weiter. Nach Potosí, die Minenstadt.

Potosí liegt auf über 4000m und ist berühmt, weil sie (angeblich) die höchste Stadt der Welt ist (ich bin mittlerweile vorsichtig mit Superlativen) und hier in der spanischen Kolonialzeit die Silbermine entdeckt wurde, in denen bereits 8 Millionen Arbeiter ihr Leben gelassen haben. Die Arbeitsbedingungen haben sich scheinbar seit 100 Jahren nicht verbessert. Mittlerweile ist das Silbervorkommen sehr gering; es wird nur noch ein Silber-, Blei- und Zinkgemisch abgebaut.

Die Idee sich die erbärmlichen Bedingungen der Minenarbeiter als Tourist anzusehen, fand ich zunächst abstoßend. Allerdings erfuhr ich dann, dass alle Guides selber Minenarbeiter sind und sich mit den Besichtigungen ein Zubrot verdienen. Ich war mir nicht ganz so sicher, ob ich wirklich ganz nach unten in die Mine wollte, da ich Angst vor einer Klaustrophobie-Attacke hatte.

Am Tag der Besichtigung mussten wir uns erst in „Kumpel“kluft schmeißen, d.h. Gummistiefel, Hose, Jacke, Helm und Stirnlampe. Anschließend ging es auf den Minenmarkt, wo wir Kokablätter, Dynamit, Lunten und Limonade als Mitbringsel für die Minenarbeiter kauften. Die jüngsten Arbeiter sind 14-16 Jahre alt, die Ältesten Mitte 40. Viel älter wird keiner, der sein Leben lang 8-10 Stunden täglich in der Mine geschuftet hat. Es wird freiberuflich gearbeitet, es gibt keine Gewerkschaft o. ä., die für Gehälter oder Sicherheit verantwortlich wäre.

Bewaffnet mit unseren „Bomben“-Geschenken ging es schließlich in Gruppen in einen dunklen Tunnel, an wackeligen Schienen entlang in die Dunkelheit, denn Elektrizität für eine Beleuchtung gibt es nicht. Genauso wenig gibt es irgendwelche Schächte, die für Frischluft sorgen könnten. Die Arbeiter, die uns in dem engen Gang entgegen kamen, hatten alle eine dicke Backe, in denen sie ihre Kokablätter lutschten. Das „grüne Gold“ ist das Mittel gegen Hunger und Höhenkrankheit, denn die Mine liegt auf 4.800m. Essen können sie während der Arbeit nicht, weil sie sonst unter Übelkeit leiden würden. So bleibt nur das Koka und Limonade.

Untertage in Potosí

Untertage in Potosí

Ich schaffte es nur bis auf die erste Ebene unter Tage. Ich bekam plötzlich schreckliche Platzangst, als die Decke niedriger wurde, und ließ mich mit Kate wieder herausführen. An diesem Punkt musste man schon in der Hocke laufen, später kam man nur noch kriechend voran. Die Luft war voller Staub, ich hatte Atemprobleme trotz des Tuchs, das ich mir vor die Nase presste. Es wurde zunehmend wärmer. Die Arbeiter, denen wir begegneten schwitzten wie in der Sauna. Die abgebauten Steine wurden tonnenweise auf einem kleinen Wagon zu zweit über die sporadisch befestigten Schienen geschoben. Wenn es um die Kurve ging, kippte der Wagen um und zwei Männer mussten mal eben eine Tonne hochwuchten.

Brennende Lunte und Grimassen

Brennende Lunte und Grimassen

Die meisten Arbeiter werkeln im Dunkeln, um die Batterie ihrer Stirnlampe zu schonen. D. h. sie verbringen den ganzen Tag im Stockfinsteren bei ca. 50 Grad Celsius, um ein kleines Loch in den Fels zu hauen, wo sie die Dynamitbombe hineinstecken und hochgehen lassen, um dann endlich die abgesprengten Steine zu „ernten“.

Ich war ziemlich deprimiert, als ich wieder an der frischen Luft war. Gleichzeitig aber auch dankbar, wie gut wir es haben. Die Minenarbeiter haben dennoch ihren Humor nicht verloren (sie kennen es schließlich nicht anders) und trieben ihren Unfug mit den von uns mitgebrachten Dynamitbomben, die wir zum Schluss in die Luft gehen ließen. Sie steckten sich die bereits brennende Lunte in den Mund und zogen dabei Grimassen.

Ich glaube, lieber mache ich nochmal einen ganztägigen Ausritt zu Pferd, als dass ich jemals wieder in eine Mine steige.

Potosí, Bolivien

Potosí, Bolivien

Seit ein paar Wochen herrschten in Bolivien Unruhen. Lkw-Fahrer blockierten einige wichtige Zufahrtswege mit ihren Fahrzeugen und lieferten nicht. Am Tag unserer geplanten Abreise, wurde genau die Strasse blockiert, die von Potosí nach Tupiza führt, unser nächstes Reiseziel gen argentinische Grenze. Der Streik wurde netterweise über die Medien angekündigt. Die Busgesellschaften verkauften keine Tickets mehr in diese Richtung. Kate, Glenn und ich hatten sofort dieselbe schreckliche Vorstellung: wir würden die nächsten Tage in Potosí steckenbleiben, wo es außer Minen nichts gibt. Anhand der Landkarte suchten wir nach einem anderen Weg Richtung Argentinien, der noch nicht gesperrt war. Wir beschlossen über Nacht in die (Tupiza) entgegengesetzte Richtung, nach Tarija, zu fahren. Wir schafften es 10 Minuten vor Abfahrt zum Busbahnhof zu kommen und ergatterten die letzten 3 Plätze auf der Rückbank. Es war eine extrem ungemütliche und kalte Nacht im Bus, aber wenigstens waren wir unterwegs!

Von Tarija aus trennten uns nur noch 4 Stunden von der Grenze in Bermejo (Bolivien)-Aguas Blancas (Argentinien). Mittlerweile sind alle Busfahrten unter 12 Stunden für mich ein Klacks. (D.h. wenn ich wieder in Deutschland bin, kann ich mal eben übers Wochenende nach Italien, das sind schließlich nur 10 Stunden!) Mit unseren Rucksäcken liefen wir über eine Flussbrücke, die uns ins Land der Evita führte. Wir waren euphorisch; in unserer Vorstellung war Argentinien das Land der Luxusbusse, Steaks, des guten Weins, des Tangos und vor allem ein kleines Stück Europa!

Unser erstes Frühstück in bella Argentina – in Salta – bestand aus einem Cappuccino (besseren habe ich selbst in Rom nicht getrunken) und einem Croissant, das hier Medialuna (Halbmond) heißt. Ein Traum nach wochenlangem wässrigen Filterkaffee und trockenem Weißbrot mit Marmelade.

Im Schlaraffenland gönnten wir uns abends ein argentinisches Steak mit gutem Rotwein aus Mendoza. Vom Steak war ich allerdings etwas enttäuscht, es war nicht so zart und viel zu dick! Aber der Wein war wunderbar (ich merkte zu spät, dass ich die Flasche ganz allein ausgetrunken hatte…). Falls Ihr roten Malbec aus Mendoza in Deutschland finden könnt, kauft ihn, egal was er kostet!

Für eine Woche machten wir eigentlich nicht viel mehr als gutes Essen und Weine genießen. Dann zog es uns doch irgendwann weiter. Wir mieteten ein Auto für zwei Tage und fuhren wieder nördlich in die Quebrada de Humahuaca. Dieser Teil der Anden ist bekannt für die mehrfarbenen Felslandschaften. Durch Oxidation haben sich die Felsschichten rot, grün, gelb, weiß, anthrazit oder lila gefärbt. Es sah manchmal so aus, als hätte Gott seinen Farbpinsel rausgeholt und ein bisschen rumgemalt. Die Natur ist ein Wunder und das kann ich immer und immer wieder sagen.

Mit dem Rucksack von Bolivien nach Nord-Argentinien
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Eine Reaktion bis “ Mit dem Rucksack von Bolivien nach Nord-Argentinien ”

  1. Hallo diesas,

    ich plane in 4 Wochen ein Reise mit meiner Freundin nach Argentinien. Wir wollten einen kleinen Abstecher nach Bolivien machen, von Salta nach Tarija über Bermejo.

    Kannst du das empfehlen ? Ist das eine schöne Route ?
    Wie lange dauert die Fahrt von Tarija bis Bermejo und bis Salta ?

    Vielen Dank für deine Antwort.
    André

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